www.rainerhoerig.com
Reportagen und Fotografien aus Südasien
 

 

zurück

 


Bhutan am Scheideweg

 

Deutschlandfunk, Politisches Feature
Redaktion: Henning von Löwis
Sendung am 29. Sept. 2001

 

Take 1: Phurpa 14/2000-B-343/357/377
Abblenden für Übersetzung

Zitatorin:
“Auf zwei Hektar Land bauen wir Weizen, Buchweizen und Hirse an. Das Getreide reicht aus, um die ganze Familie zu versorgen. Eigentlich müssen wir nur Salz, Speiseöl und Teepulver dazukaufen. Das nötige Geld verdienen wir durch den Verkauf von Blumenkohl und Kartoffeln.“

Autor:
Wenn die Bäuerin Phurpa ihren Hof hoch oben im östlichen Himalaya beschreibt, funkeln die Mandelaugen in ihrem runden, wettergegerbten Gesicht. Gemeinsam mit 12 Familienangehörigen, ihren Eltern, fünf Töchtern, Onkeln und Tanten lebt die Witwe in einem zweistöckigen Haus im Tal von Bumthang im Zentrum des kleinen Königreiches Bhutan. Geschnitzte Fensterfronten und phantastische Wandgemälde aus der Götterwelt der Berge schmücken das Bauernhaus. Zu ebener Erde sind 20 Rindviecher und vier kräftige Pferde untergebracht. Über eine Freitreppe gelangt man in das fast ganz aus Holz erbaute Obergeschoss, wo sich die Großfamilie um den Steinofen schart und sich am gesalzenen Buttertee wärmt. Sie bewirtschafte ihren Hof wie sie es von den Eltern und Großeltern gelernt habe, erklärt Phurpa. Die Felder dünge sie mit Laub und Viehmist, zum Pflügen nutze sie die Kraft ihrer Ochsen. Chemische Pestizide habe sie noch nie gesprüht. Phurpa praktiziert ökologische Landwirtschaft in guter Tradition.

So wie Phurpa lebt ganz Bhutan – naturverbunden, bescheiden und tief in der vom tibetischen Buddhismus geprägten Tradition verwurzelt. Nicht materieller Reichtum, sondern soziale Geborgenheit und Seelenfrieden gelten hier als erstrebenswert. Im Gegensatz zum großen Nachbarn Indien leidet hier niemand Hunger. Bettler und Slums sucht man in Bhutan vergebens. Die Bhutaner führen vor, wie man auch ohne moderne Technik glücklich sein kann. Ihre traditionelle Subsistenzwirtschaft funktioniert, weil bislang genügend Land für Ackerbau und Viehzucht zur Verfügung steht und weil die Naturkreisläufe intakt sind. Doch allmählich drängt die Moderne auch in diesen verschlossenen Winkel der Welt vor, und mit ihr erwächst eine Hydra neuer Probleme.

Take 2: Volkslied aus Bhutan
Unter dem folgenden Text langsam ausblenden

Autor:
Wer den Aufstieg aus den feuchten Ebenen Bengalens in den östlichen Himalaya wagt, der kann ein grünes Wunder erleben. Kaum hat man die Grenzstadt Phuntsholing hinter sich gelassen, schraubt sich die Straße in unendlich vielen Windungen bergauf – durch immergrüne Regenwälder, die zu den artenreichsten der Welt zählen. Im Angesicht einsamer Bauernhäuser, die auf Waldlichtungen am steilen Hang kleben, vergisst man die quirligen Menschenmengen, den Lärm, den Schmutz, das millionenfache Elend im indischen Tiefland. Bhutan erscheint als eine der letzten Oasen auf diesem Planeten – ein stilles Land mit ausgedehnten Wäldern, dünn besiedelt, kaum industrialisiert, und dennoch von einer friedlichen Zufriedenheit durchdrungen.

Bhutan ist die Schweiz Südasiens – fast genauso groß, mindestens ebenso sauber, ähnlich eigenbrötlerisch. Das von hohen Bergketten durchzogene Land muss nur eine Million Menschen ernähren. Die Bauernhäuser liegen weit über die Landschaft verstreut, große Städte gibt es nicht. In den wenigen breiten Tälern schimmern grüne Reisfelder und rosa Buchweizenäcker, gelber Senf streut reizvolle Kontraste. Die meisten Hänge sind von dichten Regenwäldern geschützt, weiter oben greifen Rhododendron und Magnolien über, später ausgedehnte Nadelwälder. Auf den Bergkuppen stehen mit Moos, Farnen und Orchideen bewachsene Baumriesen und trotzen dem ewigen Nebel.

Abgesehen von einigen Zementfabriken und Wasserkraftwerken besitzt das Land keine Industrie. Gerade 20.000 Lastwagen, Busse und Privatautos belasten die klare Bergluft. Die Bauern wirtschaften nach natürlichen Methoden und verzichten auf den Einsatz chemischer Hilfsmittel. Dass Bhutan wie ein ökologisches Paradies anmute, liege nicht nur an der geographischen Abgeschiedenheit, sondern vor allem an einer vom Buddhismus inspirierten Politik, meint Umweltminister Nado Rinchhen:

Take 3: Nado Rinchhen 14/2000-A-055
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Entsprechend der buddhistischen Philosophie verfolgen wir eine Politik des Ausgleiches, des mittleren Weges. Zweifelsohne müssen wir Fortschritte machen, aber nicht auf Kosten der Umwelt oder unserer Kultur. Wir gehen einen Mittelweg zwischen Tradition und Moderne!“

Autor:

Jahrhundertelang war Bhutan hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt. Imposante Klosterburgen, die sogenannten Dzongs bewachen Bhutans tiefe Täler und legen Zeugnis von einer kriegerischen Vergangenheit ab. Buddhistische Einwanderer aus Tibet, die Dzongpa, eroberten im Mittelalter von Nordwesten her die tief eingeschnittenen Täler. Der Osten ist vom sprachlich und religiös verwandten Volk der Sarchop besiedelt, Bauern aus Indien und Nepal bewohnen die tropisch-heißen Täler im Süden. Bis heute leben die meisten Bhutaner in mittelalterlichen Vorstellungen, verehren den König und spenden den buddhistischen Klöstern. Sie sind sich ihrer Sonderstellung im südlichen Asien bewusst und hüten ihr kulturelles Erbe. Der Student Tashi Tobgay spricht für viele.

Take 4: Tashi Tobgay 16/2000-A-500
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Unsere Vorfahren setzten ihr Leben ein, um dieses Land gegen Eindringlinge zu verteidigen. Sie haben uns ein wunderbares Geschenk gemacht, ein friedliches und unabhängiges Land. Was sollten wir unseren Kindern vererben, wenn wir unsere Kultur verlören? Das wäre die größte Schande überhaupt. Wir müssen unsere Tradition unter allen Umständen bewahren!

bhutan17

Take 5: Erkennungsmelodie Radio Bhutan
Unter dem folgenden Text langsam ausblenden

Autor:
Mit traditioneller Musik und einer Programmansage in vier Sprachen begrüßt Radio Bhutan seine Hörerinnen und Hörer.

In einem schmucklosen, mehrstöckigen Gebäude am Rande der Hauptstadt Thimphu produzieren 105 Mitarbeiter der offiziell autonomen, finanziell aber von der Regierung abhängigen „Bhutan Broadcasting Service“ wöchentlich 42 Programmstunden Hörfunk und einige Stunden Fernsehen. Technische und fachliche Beratung kommt unter anderem von der Deutschen Welle. Die 13 Hörfunkredakteure, die nebenbei als ihre eigenen Reporter agieren, vermitteln aktuelle Informationen zu Gesundheit und Landwirtschaft, über Umweltprobleme und Kindererziehung, gemischt mit Nachrichten und Unterhaltung. Kein anderes Massenmedium in Bhutan verfüge über die landesweite und flächendeckende Reichweite des Radios, erklärt der Intendant Kinga Singye:


Take 6: Kinga Singye 14/2000-A-380
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
„Das Radio ist das populärste Medium in Bhutan, das einzige, das landesweit verbreitet ist. In entlegenen Gebieten, zum Teil mehrere Tagesmärsche von der nächsten Straße entfernt, bildet es die einzige Informationsquelle. Die exakte Anzahl der Radioempfänger im Land ist uns allerdings nicht bekannt.“

Autor:
Vor zwei Jahren, im Juni 1999 eröffnete ein königliches Dekret das Fernsehalter in Bhutan. Seither ist wohlhabenden Bürgern über Antennenschüsseln der Empfang internationaler Satellitenprogramme möglich. Das bhutanische Fernsehen hat es nicht leicht, mit Seifenopern und Musikvideos aus Hollywood zu konkurrieren, räumt der Intendant ein.

Take 7: Kinga Singye 14/2000-A-473
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Zweifelsohne üben diese ausländischen Programme einen Einfluss auf unsere Kultur aus. Überall stellen wir Veränderungen fest: Schüler werden von den Hausaufgaben abgelenkt, andererseits wächst ihr Wissen über die Welt. Allmählich ändern sie ihre Lebenseinstellung und ihren Geschmack, das wird natürlich nicht ohne Auswirkungen auf unsere Kultur bleiben. Wir versuchen, mit Bhutan-bezogenen Programmen ein Gegengewicht zu setzen. Wir vertrauen auf die Weisheit der Menschen. Wir sollten nützliche Neuerungen akzeptieren, ohne jedoch eine Konsummentalität wie im Westen zu entwickeln.“

Take 8: Atmo Verkehrslärm in Thimphu

Autor:
In der Hauptstadt Thimphu, gerade einmal dreißigtausend Einwohner groß, prallen Tradition und Moderne aufeinander. Zwar sind fast alle Gebäude vorschriftsmäßig im traditionellen Stil erbaut, doch hier und da künden Antennenschüsseln und Leuchtreklame vom Anbruch einer neuen Zeit. Neben klapprigen Oldtimern indischer Bauart beleben neuerdings chromblitzende Jeeps aus Japan das Straßenbild. Vor wenigen Monaten öffnete das erste Fastfood-Restaurant seine Türen. Einige Internet-Cafes gestatten einen Blick hinaus in die weite Welt. Nicht ganz so auffällig manifestiert sich der Einfluss moderner Schulbildung auf das Leben junger Bhutaner. Heiko Dekena, deutscher Entwicklungshelfer, der nach Ablauf seines Vertrages in Bhutan blieb und nun der Regierung als wirtschaftlicher Berater dient, hält Ausbildung für den Schlüsselfaktor bei der Modernisierung des Landes.

Take 9: Heiko Dekena (deutsch) 17/2000-B-307

„Wie der König die Regentschaft übernommen hat vor 25 Jahren gab es ganze 23 Schulen mit 2000 Schülern. (...) Heute hat Bhutan 115.000 Schüler, die irgendwie nachher beschäftigt werden müssen. Sie wollen nicht mehr alle in die Landwirtschaft zurück, (...) aber (...) diejenigen, die das Wissen haben, die werden gebraucht, sowohl vom Staat, als auch von der einsetzenden Industrialisierung. (...) Wir haben Zementfabriken, wir haben holzverarbeitende Anlagen, es geht ein Großteil in die Powerindustrie, also in die gesamte Stromerzeugung, (...) wo sie Techniker brauchen, um die ganzen Anlagen zu warten.“

Autor:
Immer mehr Jugendliche pfeifen auf die königliche Kleiderordnung, die allen Bhutanern das Tragen der traditionellen Umhänge aus kariertem Wollstoff auferlegt und zeigen sich leger in Jeans und Turnschuhen. Nach dem College-Abschluss suchen viele nach neuen Wegen – als Regierungsangestellte, Touristenführer oder Kleinunternehmer. Sie gehören zur ersten Generation, die sich aus der bäuerlichen Subsistenz zu lösen versucht. Oftmals bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, denn allmählich wird das Ackerland knapp in Bhutan. Die Bäuerin Phurpa etwa wird ihre Felder unter fünf Töchter aufteilen müssen. Keinen von denen bliebe da genug zum Überleben übrig, ahnt Phurpa. Einziger Ausweg sei eine solide Schulbildung.

Take 10: Phurpa 14/2000-B-518/575
Abblenden für Übersetzung

Zitatorin:
“Ich bin nie zur Schule gegangen, daher habe ich Schwierigkeiten, selbst die Nachrichten im Radio zu verstehen. Aber meine ältesten Töchter schicke ich in die Schule, damit sie den Wert von Bildung erfahren. Nach dem Abschluss könnten Sie Lehrerin oder Ärztin werden, das ist ihr Traum.“

Autor:
Mit annähernd drei Prozent liegt das Bevölkerungswachstum in Bhutan höher als selbst in Indien. Früher wurde der Bevölkerungsüberschuss von den Klöstern absorbiert. Heute fällt der Bürokratie und der Wirtschaft diese Aufgabe zu. Noch kontrolliert die königliche Familie und ihr Klan weite Bereiche der Wirtschaft. Für ein rasches Wachstum braucht Bhutan findige Unternehmer. Auch deshalb kommt das Land um eine vorsichtige Öffnung nicht herum. Zur Zeit bereite man ein Gesetz vor, das Investitionen multinationaler Konzerne ermöglicht, berichtet der stellvertretende Außenminister Ugyen Tshering:

Take 11: Ugyen Tshering 16/2000-B-288/355
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
„Wir können der Globalisierung nicht entfliehen. Wir müssen darin unsere eigene Rolle finden, wie wir von der Globalisierung profitieren können, ohne davon überrollt zu werden. Immerhin hat die Globalisierung auch ihre eigenen Grenzen. Eine davon heißt Profit. Für viele international tätige Unternehmen ist Bhutan schlicht zu klein, als dass es sich für sie lohne, hier in großem Stil zu investieren.“

Autor:
Beispielhaft für den vorsichtigen Umgang mit der technischen Moderne steht die Umweltpolitik der königlichen Regierung. Sie hat ein Viertel des Landes unter Naturschutz gestellt. Das zahle sich auch wirtschaftlich aus, betont Sangay Wangchuk, der für Naturschutz verantwortliche Direktor im Landwirtschaftsministerium:

Take 12: Sangay Wangchuk 17/2000-A-332
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Wir sind stolz darauf, dass mehr als 72 Prozent von Bhutan bewaldet ist. Wer das Land bereist, sieht das sofort, Satellitenaufnahmen bestätigen diesen Wert. Dies ist ein Ergebnis der weitsichtigen Entscheidungen des Königs. Wir schützen den Wald zu unserem langfristigen Eigennutz. Ohne ihn würde der Regen die Erde von den Hängen waschen, würden womöglich weniger Touristen kommen. Auch als genetische Ressource besitzt der Wald großen Wert. Er sichert also unsere Zukunft.“

Autor:
Große Bäume dürften nur selektiv eingeschlagen werden, und auch dafür sei eine Genehmigung der Bezirksverwaltung nötig, so der Naturschutzdirektor. Der Kahlschlag sei gesetzlich verboten. Auch habe man aus den Fehlern anderer Länder gelernt und die Bevölkerung nicht aus Naturschutzgebieten vertrieben. Zur Zeit erprobe man, wie die Landbevölkerung in den Schutz der Wälder miteinbezogen werden könne. In Zukunft werde man die Kraft der zahlreichen Flüsse zur Stromgewinnung nutzen und damit nicht nur das ganze Land versorgen, sondern auch Devisen durch den Export nach Indien verdienen. Sangay Wangchuk:

Take 13: Sangay Wangchuk 17/2000-B141/172
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Strom aus Wasserkraft ist bereits heute Bhutans größte Einnahmequelle. In unserem Falle halten sich die Umweltauswirkungen jedoch in Grenzen. Dank der steilen Täler können wir Laufkraftwerke bauen, die brauchen nur einen kleinen Damm und verursachen deshalb kaum Überflutung. Vom Damm zum Kraftwerk führt ein unterirdischer Tunnel, durch den das Wasser auf die Turbinen stürzt. Diese Technik ist zwar teuer, aber nicht umweltschädlich. Niemand muss umgesiedelt werden, denn die engen Schluchten sind meistens unbewohnt.“

Autor:
Auf dem Sprung vom Mittelalter in die Computerzeit sehen sich die Bhutaner mit einer Fülle neuer Gefahren konfrontiert. Derzeit sind im ganzen Land zwar nur 20.000 motorisierte Kraftfahrzeuge registriert, aber Jahr für Jahr kommen zwei- bis dreitausend neue hinzu. In Thimphu musste schon einmal Smog-Alarm ausgerufen werden. Was tun mit Altöl, gebrauchten Batterien, giftigen Chemieabfällen? In der bäuerlichen Wirtschaft fallen praktisch keine Abfälle an, alles wird weiter- und wiederverwertet. Bhutan muss erst den Umgang mit giftigen und schädlichen Substanzen erlernen, meint Umweltminister Nado Rinchhen.

Take 14: Nado Rinchhen 14/2000-A-304
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Wir sehen uns plötzlich mit einer Reihe neuer Probleme konfrontiert: Autoabgase, giftige Industriestoffe, und so weiter. Zur Zeit testen wir die Emissionswerte aller Autos, damit wir später Grenzwerte festsetzen können. (...) Wir versuchen auch, Bauern auf die Gefahren von Plastiktüten aufmerksam zu machen. Uns liegen eine Reihe von Berichten vor, dass Kühe nach dem Verzehr von Plastiktüten gestorben sind.“


Take 15: Atmo traditionelle Musik

Autor:
Bhutan steht vor enormen Herausforderungen. Es muss den Übergang von einer feudalen und theokratischen Ordnung zu einem demokratischen Staat sozial und ökologisch verträglich gestalten und weiß nicht einmal, wie viel Zeit es zur Verfügung hat – vielleicht fünf, vielleicht zehn oder zwanzig Jahre?

Während Adel und Klerus zur Wahrung der alten Werte mahnen, strebt die sich bildende Mittelschicht – Geschäftsleute, Wissenschaftler, Kulturschaffende – nach Öffnung und Demokratisierung des Landes. König Jigme Singye Wangchuk, der seit 26 Jahren mit absolutistischer Macht regiert, modernisiert Schritt für Schritt die Wirtschaft und das öffentliche Leben, dabei stets darauf bedacht, zwischen Modernisierern und Konservativen zu vermitteln. Bhutan geht eigene Wege auch bei der Modernisierung der Politik. Basisdemokratische Institutionen ersetzen politische Parteien, erklärt Ugyen Tshering, der stellvertretende Außenminister.

Take 16: Ugyen Tshering 16/2000-A-586/624
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
„Bei uns steht die Partizipation der Gemeinschaften am politischen Prozess im Vordergrund, nicht die von Individuen wie im westlichen System. Aber wir nähern uns westlichem Demokratieverständnis an. Dabei greifen wir auf Ansätze in unserer Tradition zurück. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Vor dem Bau der Straßen war eine landesweite politische Partizipation schlicht nicht möglich. Das für die Menschen Entscheidende war die Wahl der Dorfvorsteher. Hier liegen die Wurzeln unserer Demokratie, hier wird hautnah an den Problemen der Menschen angesetzt.
In den achtziger Jahren konstituierten sich die Provinzräte, in den Neunzigern kamen Blockräte in den Städten hinzu. (...) Diese Mischung von traditionellen und neuen Institutionen sichert die öffentliche Teilnahme am politischen Geschehen.“

Autor:
Keine Frage – das Regime des jungen Königs Wangchuk hält dem Vergleich mit westlichen Demokratien nicht stand. Es gibt keine legale Opposition in Bhutan, nicht einmal politsche Parteien sind zugelassen. Die einzigen Massenmedien - Radio, Fernsehen sowie die traditionsreiche Tageszeitung Künsel - werden vom Staat kontrolliert. Ausländer unterliegen massiven Reisebeschränkungen: sie dürfen sich nur in geführten Gruppen bewegen, einige Regionen wie der sensible Süden bleiben ihnen vollständig verschlossen. Menschenrechtler behaupten, in Bhutan gebe es über einhundert politische Gefangene.

Vor zwanzig Jahren bewies die königliche Regierung, dass sie auch Gewalt zur Unterdrückung politischer Proteste einsetzt, wenn einflussreiche Kreise in Thimphu ihre Macht bedroht sehen. Die Forderung nepalesische Einwanderer im Süden des Landes nach Zulassung politischer Parteien und eine Beteiligung an der Macht wurde gewaltsam niedergemacht und nahezu einhunderttausend Menschen vertrieben. Einer von ihnen war Jiwan Pradhan, der heute vom nepalischen Exil aus für die Rückkehr der Flüchtlinge kämpft.

Take 17: Jiwan Pradhan 18/2000-B-310/375
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Im Jahre 1988 entdeckte die Regierung, dass die Nachfahren nepalesischer Einwanderer, Lothsampas genannt, immer mehr geworden waren. Zur selben Zeit gingen in Nepal die Menschen auf die Straße und forderten mehr Demokratie. Der dortige König verlor einen Großteil seiner Macht. Die Regierung in Thimphu befürchtete offenbar einen Umsturz durch die Lothsampas und wollte sie zur Anpassung zwingen. Ein neues Gesetz machte die Kultur der Ngalung-Elite des Nordens für alle Bürger Bhutans verbindlich. Alle sollten ihre Trachten tragen, ihre Sprache sprechen. 1990 kam es zu ersten Protesten gegen diese Politik, und so begann die politische Krise.
Die Lothsampas organisierten immer mehr Demonstrationen, forderten Menschenrechte und Demokratie. Die Polizei verhaftete willkürlich und folterte zahlreiche Demonstranten. Viele verließen aus Furcht das Land, andere mussten mit einer Gewehrmündung im Rücken eine Erklärung unterschreiben, dass sie freiwillig ausreisten. Die Leute fürchteten schlicht um ihr Leben und flohen zufuß durch die Wälder oder auf Lastwagen Richtung Nepal.“

Take 18: Ugyen Tshering 16/2000-B-580/595/605
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
„In den 70er und 80er Jahren kam es zu einer unkontrollierten Einwanderung von Nepali, die sich als Landarbeiter oder Bauarbeiter im Süden Bhutans niederließen. Unser Land wurde regelrecht überflutet. Dagegen mussten wir etwas unternehmen. Aber die damalige Regierung hat lediglich illegale Einwanderer unter Druck gesetzt, das Land wieder zu verlassen. Die meisten haben Bhutan damals freiwillig verlassen, aus politischen Gründen. Niemand wurde vertrieben.“

Autor:
Tshering verweist auf das Schicksal des benachbarten Sikkim, das einst wie Bhutan auch ein tibetisch-buddhistisches Königreich war. In den fünfziger und sechziger Jahren aber wuchsen Einwanderer aus Nepal zur Bevölkerungsmehrheit heran und stellten schließlich die Machtfrage. Nach politischen Unruhen musste der König von Sikkim abdanken, und die indische Armee annektierte 1974 das kleine Himalaya-Reich. Heute machen Einwanderer aus Nepal und ihre Nachkommen 75 Prozent der Bevölkerung von Sikkim aus.

Fast vergessen von der Welt warten nahezu 100.000 Flüchtlinge im Osten Nepals auf ihre Rückkehr ins Nachbarland Bhutan. Für das verarmte und am eigenen Bevölkerungswachstum erstickende Königreich Nepal eine hohe Belastung. Die sieben Flüchtlingslager werden mit internationaler Hilfe unterhalten und vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR verwaltet. Bislang hat die internationale Gemeinschaft, darunter auch die deutsche Bundesregierung, mehr als 90 Millionen Dollar für ihren Unterhalt aufgebracht. Die Geberländer drängen nun die Machthaber in Thimphu, ihre zögerliche Haltung bei der Lösung des Flüchtlingsproblems aufzugeben. Nach einem Besuch der Flüchtlingsbeauftragten der Vereinten Nationen, Frau Sadako Ogata in Bhutan und Nepal und einer Resolution des Europäischen Parlaments, die sich für rasches Handeln ausspricht, kam Ende des vergangenen Jahres Bewegung in die Verhandlungen zwischen Nepal und Bhutan. Man einigte sich, eine gemeinsame Kommission in die Lager zu schicken, die die Staatsangehörigkeit und den Status jeder einzelnen Familie feststellen soll. Allerdings hat Thimphu sich bis heute nicht geäußert, wieviele Flüchtlinge es bereit ist, wieder einzubürgern.

Im vergangenen März nahm die bilaterale Kommission zur Verifizierung der Flüchtlinge mit einem ersten Lagerbesuch ihre Arbeit auf. Die Betroffenen hoffen, damit sei der Weg zu ihrer Repatriierung eingeschlagen. Immer wieder betonen die Flüchtlinge ihren Willen, nach Bhutan zurückzukehren. Offenbar hat das Paradies selbst unter den Geprügelten und Verjagten seinen Glanz nicht verloren. Ob es dem kleinen Königreich auch weiterhin gelingt, seine faszinierenden Besonderheiten zu bewahren? Der stellvertretende Außenminister Ugyen Tshering ist zuversichtlich:

Take 19: Ugyen Tshering 16/2000-B-335
Abblenden für Übersetzung

Zitator:
“Es wäre schade, wenn die Globalisierung keine individuelle Identität zulassen würde. Jedes Land soll sich nach seinen eigenen Vorstellungen und Möglichkeiten entwickeln können. Wir Bhutaner müssen uns vorbereiten auf den kommenden Wettbewerb, aber wir dürfen dabei unsere Identität nicht aufgeben.“

Take 20: traditionelle Volksmusik

 

 

zurück

 

 

Alle Texte und Photographien auf dieser website sind durch deutsches und internationales Urheberrecht geschützt. Jede kommerzielle Nutzung dieser Texte und Photographien bedarf der Genehmigung des Autors. Bitte schreiben Sie mir :

© COPYRIGHT Rainer Hörig 2004