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Reportagen und Fotografien aus Südasien
 

 

 

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Das Fest des Nektarkruges

aus: Sympathie Magazin, Hinduismus verstehen

Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, März 2003

In schier endlosen Kolonnen, schreiende Kinder im Arm, schwere Gepäckbündel auf dem Kopf, kommen die Pilger zu fuß aus Dörfern nah und fern. Geistliche Würdenträger reiten dagegen auf prächtig geschmückten Elefanten in die Stadt, Politiker und hohe Beamte fahren mit Blaulicht vor. Alle zwölf Jahre zieht es Millionen von Hindus zur „Kumbh Mela“ nach Allahabad am Zusammenfluss der heiligen Ströme Ganges und Yamuna. Hier verspricht das heilige Bad nicht nur eine Reinigung der Seele, sondern die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Das letzte „Fest des Nektarkruges“ im Januar 2001 soll innerhalb eines Monats rund 70 Millionen Besucher angelockt haben - vielleicht die größte Menschenansammlung unter der Sonne!

Ich schlendere durch die 1200 Hektar große Zeltstadt, die man ins Flussbett gebaut hat und lasse mich von diesem religiösen Jahrmarkt verzaubern. Hindu-Orden und Sadhu-Vereinigungen haben riesige Versammlungszelte errichtet, wo religiöse Diskurse für die Pilger veranstaltet werden. Draußen preisen fliegende Händler ihre Waren an - farbige Pulver und Süßspeisen für die Opferrituale, Kochgeschirr und gläserne Armreifen. Aus allen Richtungen strömen die Pilger zur Badestelle. Unten am Fluss herrscht von morgens bis abends Hochbetrieb. Hunderte von Polizisten versuchen mit Trillerpfeifen und Bambusknüppeln ein Minimum an Ordnung aufrecht zu erhalten, während Jung und Alt in die schlammbraunen, eiskalten Fluten tauchen.

Inmitten einer Menschentraube entdecke ich einen langhaarigen Bettelmönch, dessen fast nackter, aschebeschmierter Körper auf dornengespickten Ästen ruht. Der Asket hält die Augen geschlossen und murmelt heilige Verse. Kein Sinnesreiz vermag seine Versenkung zu stören. Ehrfurchtsvoll dämpfen die Umstehenden ihre Stimmen, einige lassen Münzen in eine hölzerne Bettelschale fallen.

Nachdem ich nach Landessitte die Schuhe abgelegt habe, betrete ich das Lager des Niranjani-Ordens. Aschegekleidete Sadhus sitzen um schwelende Feuerstellen und palavern, einige arrangieren Trommeln und Zimbeln für eine Zeremonie. In der Nähe eines aus Bambus und Stroh errichteten Tempels mit der Statue des Ordensgründers treffe ich Mahant Ramananda Puri, Mitglied im leitenden Fünferrat der Mönchsgemeinschaft: "Die Tradition schreibt vor, dass die besonders verehrten Sadhus auf Pferden und Elefanten zur Badestelle reiten. Aber die Wege hier sind so schlecht präpariert, dass die Prozession nicht stattfinden kann. Alle unsere Proteste wurden ignoriert, daher müssen wir nun zum letzten Mittel greifen, dem Boykott des heiligen Königsbades!“

Es blieb bei dieser Drohung, doch die Rangordnung der verschiedenen Mönchsorden bei der Eröffnung der Badezeremonien ist heiß umkämpft. Mitunter kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, wenn einer der Sadhu-Orden sich benachteiligt fühlt.

Der Legende nach hatten einst Götter und Dämonen durch das Aufrühren des Urmeeres wertvolle Gaben gewonnen, unter anderem einen Krug (Kumbh) voll Nektar, dessen Trank unsterblich macht. Im Gerangel um den Besitz des kostbaren Kruges fielen vier Tropfen Nektar zur Erde, dorthin, wo heute die heiligen Städte Allahabad, Hardwar, Ujjain und Nasik liegen. Im dreijährigen Rhythmus wandert die Kumbh Mela von einer Stadt zur nächsten, alle 12 Jahre kehrt sie zum selben Ort zurück.

Heute, am 24. Januar, dem Hindufeiertag „Mauni Amavasya“ wälzen sich fast 20 Millionen Pilger zu den Badestellen am Zusammenfluss von Ganges und Yamuna. Dass es dabei nicht wie gelegentlich in der Vergangenheit zu Massenpanik und Toten kommt, führt der Polizeioffizier Jeevesh Nandan auf „eine Kombination aus organisatorischem Talent und schierem Gottvertrauen“ zurück. Nandan sorgt als Verantwortlicher zusammen mit 20.000 Beamten und Freiwilligen für einen nahezu reibungslosen Ablauf der Feierlichkeiten. Sie ließen 140 Kilometer provisorische Straßen anlegen, installierten 15000 Straßenleuchten und 5000 neue Telefonanschlüsse. Ein temporäres 100-Betten-Krankenhaus sowie 17000 Toiletten werden für die Pilger unterhalten. Das Nektarfest kostet den Steuerzahler mehr als 50 Millionen Euros.

Seit eh und je tummeln sich Teeverkäufer, Straßenhändler und Wahrsager auf diesem exotischen Jahrmarkt. Nun hält auch die Globalisierung Einzug: mit grellbunten Werbetafeln werben multinationale Konzerne für ihre Produkte, lassen Hochglanzprospekte, Schokoladenstückchen und Shampoopröbchen verteilen. Mehr als 40 ausländische Fernsehanstalten senden Livebilder über Satellit in alle Welt. Fast könnte man vergessen, dass die Kumbh Mela ein religiöses Fest ist.





Giftige Feste
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Im Zeitalter des rasanten Bevölkerungswachstums und der schnellen Verkehrsverbindungen mutieren die Kumbh und andere Melas zum Massenereignis. Und so wird manch heiliger Ritus zur Umweltbelastung. Tausende großer und kleiner Götterstatuen landen alljährlich in heiligen Flüssen und im Meer. Nicht der Gips verseucht das Wasser, sondern die knallbunte Bemalung, die Schwermetalle und organische Gifte enthält. Nicht ganz ungiftig sind auch die grellen Farbpulver, mit denen man sich beim Holi bewirft. Bürgerinitiativen rufen dazu auf, Divali ohne Kracher und Böller zu feiern. Ihre Angebote, Ganesh- und Durga-Statuen umweltfreundlich zu „entsorgen“, damit die Gewässer vom Gift verschont bleiben, finden allmählich Zustimmung.

 

 

 

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