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Reportage and Photography from South Asia
 

 

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Narmada – Indiens Seele in Gefahr

Hessischer Rundfunk, Kirchenfunk
Redaktion: Lothar Bauerochse

Sendetag: 15.Mai 2001
Länge: 25 Minuten

Atmo 1: Narmada-Bhajan (Loblied) 01/2001-B-500
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Autor:
In der Stadt Hoshangabad, ziemlich genau im Zentrum des indischen Subkontinents, führt eine breite, von Tempelbauten und Pilgerherbergen gesäumte Treppenflucht hinunter zum Fluss. Dort haben unter einem buntverzierten Baldachin sechs Schulmädchen im Schneidersitz Platz genommen und stimmen Lieder zum Lob der Hindu-Göttin Narmada an. „Narmada, die Gnädige, die Jung und Alt beschützt,“ heißt es da, und weiter: „Mutter Narmada, wir grüßen Dich, Du Gütige, die uns an Nichts fehlen lässt!“

Die Blicke der Jungfrauen ruhen auf den majestätisch vorbeiziehenden, himmelblauen Wassern, auf ihren Lippen liegt ein heiteres Lächeln, das tiefe Glückseligkeit verrät.Ihre Lieder übertragen diese Stimmung auf die nach Hunderten zählende Zuhörerschaft, die wie ein buntes Blütenmeer die steinernen Stufen verzieren. Da klatschen Hausfrauen den Takt mit, wiegen Bauern mit geschlossenen Augen ihre stämmigen Körper sanft im Rhythmus. Zu Tausenden pilgern an diesem milden Januartag die Menschen aus umliegenden Dörfern und nahen Stadtvierteln herbei, um den Geburtstag der gütigen Narmada zu feiern, der Göttin, die den Fluss und das Leben repräsentiert.

Take 1: Suresh Kadam 03/2001-A-458
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Zitator:
“Ich bin aus dem Dorf Sherwar gekommen, rund 20 km von hier. Dort steht mein Bauernhof. Heute morgen habe ich im Fluss gebadet, ein Opfer gebracht und Narmada um ihren Segen gebeten. Zum erstenmal besuche ich das Narmada-Fest. Es ist wunderbar, und ich fühle mich ganz glücklich!“

Take 2: Laxmibai 03/2001-A-502/525
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Zitatorin:
“Wir wohnen hier in Hoshangabad. Heute feiern alle Narmada’s Geburtstag. Daher sind wir mit unserer ganzen Großfamilie hierher gekommen. Nach dem heiligen Bad wollen wir nun die Göttin beschenken. Wir haben für sie Süßigkeiten mitgebracht.
Narmada ist unsere Mutter, daher verehren wir sie. Wir verdanken ihr alles, was wir haben – unsere Kinder, Bildung und Lebensunterhalt. Wenn bei uns zuhause ein Baby zur Welt kommt, wiegen wir es mit Süßigkeiten auf, die wir zum Dank dem Fluss überreichen. Bei uns ist es auch Tradition, Pilger zu bewirten.“

Take 3: Sitabai 03/2001-A-615/655
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Zitatorin:
„Wir kommen jedes Jahr zu Narmada’s Geburtstag hierher. Wir bringen Blumen, Münzen und Süßigkeiten als Geschenke mit und singen Lieder. Am Abend setzen wir brennende Öllampen ins Wasser und schauen zu, wie der Fluss sie in die Dunkelheit davonträgt. Unsere ganze Familie nimmt hier jeden Morgen ein heiliges Bad. Naja, wir haben auch zuhause einen Wasseranschluss, aber hier am Fluss ist das etwas ganz anderes. Wenn Du in der Narmada badest, verschwinden Deine Sorgen und Nöte wie von selbst. Narmada erfüllt alle meine Wünsche. Habt Ihr in Deutschland keine solchen Rituale?“

Atmo 2: Tempelatmo (Muschelhörner, Trommeln) 01/2001-B-024
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Autor:
Am Eingang zum Haupttempel hoch oben über der Treppenflucht herrscht pausenlos Gedränge. Die Pilger legen ihre Schuhe ab, die Frauen ziehen die Zipfel ihrer Saris über das Haupt und nähern sich mit zum Gruß gefalteten Händen dem Heiligtum. Die meisten tragen Blumen, Reiskörner, Kokosnüsse und Münzen auf einem Tablett, die sie über die Köpfe der anderen dem Priester oder seinen Gehilfen reichen. An der mit Silber beschlagenen Schwelle zur Altarkammer, in der das über und über mit Blumenkränzen behangene Standbild der Flussgöttin thront, verneigen sich die Gläubigen, murmeln halblaut ein Gebet und blicken in das aus Gold geschmiedete Antlitz der Narmada. Schon drückt ihnen der Priester die geweihten Gaben wieder in die Hand und fordert sie zum Weitergehen auf, denn der Andrang ist kaum noch zu beherrschen. Doch das Leuchten in ihren Augen lässt erkennen, dass selbst der sekundenkurze Blickkontakt die Herzen der Pilger erwärmt und ihre Hoffnung nährt, Narmada werde ihre Bitten erfüllen. Für den Chef-Priester jedenfalls besteht daran kein Zweifel. Er trägt den klangvollen Namen Pandit Gopal Prasad Khaddar.

Take 4: Pandit Khaddar 02/2001-A-547/557
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Zitator:
“Schon mein Vater und mein Großvater dienten hier im Prachi-Narmada-Tempel als Priester. Der Tempel wurde im Jahr 1882 errichtet. Seither wird hier alljährlich das Geburtstagsfest Narmada Jayanti gefeiert.
Die alten Schriften lehren uns, Narmada sei im Hindu-Monat Shukla Saptimi geboren worden, und zwar genau zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht. Ein Schweißtropfen des großen Schöpfers Shiva fiel zur Erde und bildete diesen Fluss, der daher als Shivas Tochter bezeichnet wird. Der Allmächtige stattete sie mit besonderen Kräften aus und bestimmte, dass jeder Stein in diesem Fluss ihn, Shiva repräsentiere.“

Autor:
In Zentralindien sagt man, der Narmada-Fluß sei noch heiliger als der Ganges. Zahlreiche Mythen und Legenden beschreiben die Göttin als eine schöne und äußerst willensstarke Jungfrau, die sich jedem Versuch der Götter widersetzt, sie zu bändigen. Tatsächlich präsentiert sich der Fluß auf seinem 1300 km langen Lauf aus den Maikala-Bergen nach Westen zum Indischen Ozean mit vielerlei Gesichtern. Ein romantischer Bach aus dem Bergdschungel schwillt zum majestätischen Strom an, der fruchtbare Ebenen bewässert, aber auch ganze Landstriche überfluten kann. Immer wieder unterbrechen spektakuläre Stromschnellen und Wasserfälle seinen Lauf. Hier demonstriert Narmada ihre Wildheit und Macht.


Ihre Wasser schenken Leben und Wohlstand, können aber auch Furcht und Zerstörung verbreiten. Zahllose Tempel und Pilgerstätten säumen die Ufer der Narmada, in jedem Dorf beten die Menschen die Flußgöttin an. Seit Jahrhunderten veranstalten Gläubige eine in Indien und der Welt wohl einzigartige Pilgerreise, die sogenannte Narmada Parikrama.

Take 5: Pandit Khaddar 02/2001-A-645 / 03/2001-A-192
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Zitator:
„Die Parikrama wird nur hier am Narmada-Fluss praktiziert.
Man kann an jeder beliebigen Stelle beginnen und umrundet im Uhrzeigersinn den ganzen Fluss, bis man zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Der ganze Weg muss barfuß zurückgelegt werden. Morgens und abends beten die Pilger zum Fluss und nehmen ein reinigendes Bad. Sie tragen stets ein Fläschchen mit Flusswasser mit sich, das sie zu Beginn der Reise auffüllen. Wenn die Sonne untergeht, suchen sie sich ein Nachtlager und betteln um eine Mahlzeit. (...) Die Pilger dürfen weder Geld noch Gepäck mitnehmen, sie sollen wie Bettler nur von Almosen leben.“

Autor:
Die meisten „Parikramavasis“, so die Hindi-Bezeichnung für die frommen Wanderer, haben die Lebensmitte schon hinter sich. Frei von familiären und beruflichen Verpflichtungen können sie die Pilgerreise antreten, die sich in der Regel über drei Jahre, drei Monate und drei Tage erstrecken soll. Viele beschließen nach Todesfällen oder ähnlichen Schicksalschlägen, in der meditativen Flusswanderung Trost zu suchen und sich der Göttin Narmada anzuvertrauen. Die meisten Bewohner des Narmadatals empfinden es als eine Ehre, die Pilger zu bewirten und ihnen einen Rastplatz anzubieten. Die monatelange Hauslosigkeit, das bedingungslose Aufgeben aller weltlichen Genüsse und Sicherheiten, die totale Hingabe an die Flussgöttin führen zur Seelenreinigung, meint Pandit Gopal Prasad Khaddar.

Take 6: Pandit Khaddar 03/2001-A-238
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Zitator:
“Als Bettler sind wir alle gleich. Keiner vermag andere durch Kleidung oder Luxus beeindrucken. Die Pilger besinnen sich daher ganz allein auf ihr eigenes Wesen, lernen Mitgefühl für andere zu entwickeln und Hilfe zu leisten. Vielen gelingt es so, ihr Ego zu überwinden, die Persönlichkeit zu ändern und die Seele zu reinigen. Durch den Tod verlieren wir schließlich auch alle Statussymbole, alle Besitztümer. Wir nehmen nur die Seele mit zu Gott. Man kann sagen, die Parikrama liefert Denkanstöße. Die Wanderer werden ehrlich, sie erkennen sich selbst in den anderen, ihre Seele wird rein!“

Atmo 3: Narmada-Puja (Priester singt Gebet und unterweist Pilger in Opferritual) 20/98-A-390
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Autor:
Von Hoshangabad nach Amarkantak. Die dichten Wälder der Maikala-Berge im östlichen Zentralindien speisen die Quellen der Narmada. Mitten im Dschungel steht ein weißgetünchter, nur mannshoher Tempel, der eine kleine Statue aus geöltem, schwarzem Basalt beherbergt. Vor dem in leuchtend-rotes Seidentuch gekleideten Götterbild hockt eine Gruppe von Landmännern im Halbkreis am Boden und befolgt die Anweisungen eines Priesters für das Opferritual. Die Pilger verbeugen sich immer wieder vor der Göttin, stimmen Hymnen an, schmücken ihre Statue mit Blumenkränzen und brennenden Räucherstäbchen. Einer von ihnen, der Bauer Balwan Singh berichtet, er und seine Freunde stammten aus dem Dorf Sopari, nicht weit von Hoshangabad entfernt.

Take 7 : Balwan Singh 20/98-A-638/B-081
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Zitator:
“Wir sind seit knapp zwei Monaten unterwegs. Von Sopari aus liefen wir zunächst nach Westen bis nach Baruchh, wo die Narmada ins Meer mündet. Nun ist es nicht mehr weit bis nachhause. Einen Teil der Strecke haben wir mit dem Bus zurückgelegt, sonst hätten wir es nicht so schnell geschafft.
In den vergangenen Monaten starben vier meiner Kinder an einer mysteriösen Krankheit. Als ich vom Plan meiner Freunde erfuhr, eine Parikrama zu unternehmen, schloss ich mich ihnen spontan an. Ich will Buße tun und so die gütige Narmada für das Wohl der letzten beiden Kinder gewinnen. Man sagt doch, die Göttin erfülle alle Wünsche. Ich will, dass meine Kinder überleben, und dass sie es im Leben zu etwas bringen!“

Autor:
Im Schatten hoher Bäume hat die Gruppe ein Lagerfeuer entzündet und schart sich um einen dampfenden Teekessel. Balwan Singh öffnet sein kleines Stoffbündel, das einzige Hab und Gut, das er mit sich führt. Bedächtig kramt er einen kleinen Bilderrahmen hervor, den er uns stolz präsentiert: Eine volkstümliche Darstellung der Göttin Narmada, die mit kostbaren Juwelen und einem knallroten Sari geschmückt auf dem Rücken eines Krokodils durch die Fluten gleitet und mit ihren vier Händen weltlichen und geistlichen Segen ausschenkt. Im Hintergrund leuchten weiße Tempel am Ufer, grüne Hügel erstrecken sich über den Horizont. Eine treffende Beschreibung des Flusses und seiner Seele. Die alten Weisen wählten mit Bedacht ein Krokodil zu ihrem Reittier: die großen Echsen sind eine Art Flusspolizei und nützliche Helfer der Fischerleute. Sie vertilgen Kadaver und andere Abfälle und halten die Populationen großer Raubfische in Schach.

Take 8: Balwan Singh 20/98-B-127/188
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Zitator:
“Am Beginn unserer Reise verlor einer aus der Gruppe sein Bündel. Die Regeln verbieten jedoch ein Umkehren auf dem einmal eingeschlagenen Weg, und so hatten wir das Gepäck längst aufgegeben, als wie aus heiterem Himmel ein Fahrradfahrer erschien und das Bündel mitbrachte. Wir hatten den Mann nie vorher gesehen. Wie konnte er wissen, wer das Bündel liegen ließ? Wenig später erreichten wir eine Kreuzung mit vier einmündenden Wegen und wussten nicht, welchen wir einschlagen sollten. Ein kleines Mädchen stieß zu uns und führte uns die nächste halbe Stunde durch die Felder. Beim Abschied erkundigte sie sich, ob wir unser Gepäckstück zurückerhalten hätten. Zunächst wunderten wir und alle, dann erkannten wir, dass Narmada leibhaftig vor uns stand. Wir verbeugten uns dankbar vor ihr und berührten zum Zeichen der Ehrfurcht ihre Füße!“

Atmo 4: Narmada Bhajan (ähnlich wie Atmo 1) 01/2001-B-577
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Take 9: Pandit Khaddar 2/2001-A-583
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Zitator:
“In mythischer Zeit, als der mächtige Shiva, der Schöpfer der Welt auf den eisigen Höhen des Himalaya meditierte, suchten ihn die Götter auf und flehten ihn an, einen heiligen Fluss zur Erde zu schicken, damit sich die Weisen und Seher, die heiligen Babas durch rituelles Baden reinigen konnten. Einen Schweißtropfen, der von seiner Stirn zur Erde fiel, verwandelte Shiva in ein Baby, das schon bald durch wundersame Kräfte von sich reden machte. Jeder, der das Kind erblickte, war sofort tief beeindruckt, und man fragte sich, wer dieses Wunderkind sei. Da erschien ihnen der große Shiva und sagte: Dies ist Narmada, die heilige Jungfrau! Die Weisen beteten zu Shiva, er möge sie fließen lassen, damit sie endlich baden und ihre Seelen reinigen können. Da befahl der Allmächtige dem Baby, in die Erde zu fahren und von Ost nach West zu fließen wie kein anderer Fluss in Indien. Shiva stattete die Narmada mit magischen Kräften aus, sodass jeder, der darin badet, rein wird und in den Himmel kommt. Es reicht schon aus, die Wasser der Narmada zu erblicken, um seelig zu werden.“

Atmo 5: Tempelgong 20/98-A-270
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Take 10: Dharmendra Diwedi 21/98-A-156, 20/98-B-696, 21/98-A-049
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Zitator:
„Ich heiße Dharmendra Diwedi. Ebenso wie mein Vater und sieben weitere Familienmitglieder diene ich als Priester im hiesigen Narmada-Tempel./
Der Teich vor uns, das ist der Ursprung der Narmada. Über’s ganze Jahr kommen Pilger hierher nach Amarkantak, um in diesem heiligen Wasser zu baden. Der Tempel dort drüben wurde von der sagenhaften Maharani Ahilyabai aus Maheshwar errichtet. Gegenüber, auf der anderen Seite des Teiches steht der Haupttempel, der auf Maharaja Dhundamat aus der Ramchandra-Dynastie zurückgeht. Man sagt, er sei über zehntausend Jahre alt.
Von hier aus beginnt die Narmada ihre lange Reise nach Westen, zum Arabischen Meer. Nach einigen Kilometern stürzt sie über ein Kliff. Der Wasserfall heißt Kapildhara, benannt nach dem Mönch Kapil, der einst dort in einer Felshöhle lebte und meditierte.“

Atmo 6: Wasserfall 20/98-A-460
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Autor:
Amarkantak liegt 1057 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Plateau im Maikala-Gebirge. In einer langgestreckten Senke sammeln sich dort unzählige Rinnsale zu einem fröhlich durch Wälder und Wiesen plätschernden Bach. Nachdem dieser den künstlichen Badeteich nahe der Tempel verlassen hat, stürzt er sich 24 Meter tief in ein von dichtem Dschungel bewachsenes Tal. Uralte, knorrig-verwachsene Bäume und gigantische Basaltblöcke mitten im Fluss erinnern an Szenen aus dem Dschungelbuch, und tatsächlich hat sich der Autor Rudyard Kipling lange hier aufgehalten. Am Fuße einer verwitterten Felswand sitzt ein Sadhu, ein Einsiedlermönch am Eingang einer Höhle und meditiert. Er segnet vorbeiziehende Pilger und lebt von ihren milden Gaben.

Take 11: Phaggulal Vanvasi 21/98-A-284/306/340
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Zitator:
"Ich heiße Phaggulal Vanvasi und bin 55 Jahre alt. Früher habe ich im Bergbau gearbeitet, dann lernte ich einige der hiesigen Einsiedler kennen und wurde selbst einer. Ich will den Rest meines Lebens hier bleiben, das erscheint mir sinnvoller. Im Wald bin ich Tigern, Bären und Hirschen begegnet, doch ich fürchte mich nicht, denn ich weiß: Narmada beschützt mich. Die Göttin sorgt für mich und sie hört mir zu, wenn ich hier am Wasserfall meditiere. Hier bin ich seelig, nirgendwo sonst kann ich dieses Glück finden!"

Autor:
In vielerlei Hinsicht ist die Narmada einzigartig unter Indiens heiligen Flüssen. Als einziger strömt sie in Ost-West-Richtung. Zwei lange Bergketten, die Vindhyas am Nordufer und die Satpuras im Süden, begrenzen das Tal und den Horizont. Mit 99.000 Quadratkilometern entwässert die Narmada ein Gebiet größer als Portugal. Ihre Wasser verbinden eine breite Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume. Nachdem sie die Maikala-Berge hinabgestiegen ist, fließt sie auf einer mächtigen Schicht von Sedimenten und ändert häufig die Richtung. Nahe der Stadt Jabalpur hat der Fluss eine enge, einen Kilometer lange Schlucht aus dem Fels geschürft, der hier aus weißem Marmor besteht. Anschließend breitet er sich in einer weiten Schwemmlandebene aus, die bis über die Stadt Hoshangabad hinausreicht. Westlich der Stadt verengen sich die Berge wiederum zu einer Schlucht, die mit Wasserfällen und dichten Wäldern einer artenreichen Tierwelt ein letztes Zuhause bietet. Kurz hinter dem Pilgerort Omkareshwar weitet sich erneut das Tal und geht in die Ebene von Nimar über, die zu den fruchtbarsten Landstrichen Indiens zählt. Und noch einmal verengt sich der Lauf des inzwischen mächtigen Flusses zur Schlucht von Hapeshwar, die sich nahezu einhundert Kilometer bis zu der Kleinstadt Rajpipla erstreckt. Schließlich strömt der Fluss in weiten Bögen dem Arabischen Meer zu, mit dem er sich in einer riesigen Trichtermündung nahe der Stadt Baruchh vereinigt.

Seit 50.000 Jahren formt der Fluss die Landschaft durch Erosion und Ablagerungen. Da Springfluten und Überschwemmungen sehr häufig vorkommen, bilden die Sedimente ein exzellentes Feld für geologische und archäologische Forschungen. Im Dezember 1982 stieß der indische Wissenschaftler Arun Sonakia nahe Hoshangabad auf einen rund 200.000 Jahre alten menschlichen Schädel, den frühesten Beweis für menschliches Leben auf dem gesamten Subkontinent. Nahe der Stadt Maheshwar legten seine Kollegen die Reste menschlicher Siedlungen frei, die bis zu 3600 Jahre in die Vergangenheit zurückreichen. Schon damals betrieben die Menschen Ackerbau und Viehzucht im Narmadatal, ganz ähnlich der Gemeinschaft der Bhil-Stämme, die flussabwärts in der engen Hapeshwar-Schlucht zuhause sind.

Atmo 7: Holi-Tanz 6/96-A-140
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Autor:
Neun Tage lang hat Hirubehn die Saat gewässert. Der runde Lehmkuchen, aus Flussschlamm geformt, trägt nun zartgrüne Keimlinge. Behutsam hebt die junge Frau das Miniaturbeet in eine Tonschale und präsentiert es der versammelten Dorfgemeinde. Anschließend hebt sie ihren Schatz zum Himmel und ruft Nandru, den Urvater des Dorfes, an. Trommelschläge ertönen, Männer und Frauen singen und tanzen, ziehen los, einen steilen Pfad hinab zum Fluss.

Atmo 7: Holi-Tanz
Kurz wieder hoch

Autor:
In Domkhedi, einem entlegenen Weiler 350 Kilometer nordöstlich von Bombay, leben 50 Familien vom Stammesvolk der Bhil. Es ist August, und schwere Monsunwolken streifen die Satpura-Berge. Auf den Feldern reift die Ernte. Wie jedes Jahr um diese Zeit scharen sich die Bhil um einen uralten Niembaum am Dorfrand. Sie bieten ihrem Urvater Nandru Kostproben der Feldfrüchte an und bitten ihn um Erlaubnis, die Ernte einholen zu dürfen. Die junge Saat, die Hirubehn gezogen hat, gilt als Symbol der Fruchtbarkeit und als sichtbares Einverständnis der Gottheit.

Die Prozession erreicht das Ufer des Flusses. Rot, grün und gelb leuchten die Saris der Frauen im Sonnenlicht. Die Männer tragen frisch gewaschene, weiße Turbane und Lendentücher. Mit den Keimlingen in der Hand betet Hirubehn zur Flussgöttin. Sie nennt den Fluss Narmada ihre Mutter, fleht sie an, ihr Dorf nicht im Stich zu lassen. Schließlich setzt sie den Lehmkuchen ins Wasser. Der Kreis der Fruchtbarkeit ist geschlossen. Nandru und Narmada, Vater und Mutter, beide sorgen für die Bhil von Domkhedi.

Take 12: Keshubhai Vasave 4/98-A-245/269
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Zitator:
"Mutter Narmada gilt bei uns als die höchste Autorität. Wir bitten sie um Hilfe, wenn alle anderen Möglichkeiten versagen, wenn beispielsweise der Arzt einem Kranken nicht helfen kann. Im Mai, wenn der Wasserstand niedrig ist, erscheinen drüben am anderen Ufer Fußabdrücke im Fels. Sie markieren den Ort, wo die Göttin einst mit einem Verehrer tanzte. Am Vollmondtag im Mai versammeln sich dort die Bhil zu Hunderttausenden aus Dörfern nah und fern, um mit der Narmada ein rauschendes Fest zu feiern."

Autor:
Keshubhai Vasave ist der einzige Mann weit und breit, der schreiben und lesen kann. Daher bestimmen ihn die Leute von Domkhedi zu ihrem Sprecher. Das Leben in den schroffen, nahezu vollständig entwaldeten Satpura-Bergen ist hart und entbehrungsreich. Der steinige Boden bringt höchstens Hirse und Hülsenfrüchte hervor. In den Sommermonaten steigen die Temperaturen auf weit über vierzig Grad, dann wird jeder Tropfen Wasser zur Kostbarkeit. Schulen, Krankenhäuser, Kinos und Kaufläden sucht man hier vergeblich. Domkhedi liegt in einer jener geographischen Randzonen des Subkontinents, die von Staat und Gesellschaft kaum wahrgenommen werden. Hier siedeln die Nachfahren der Ureinwohner Indiens, die mit dem Sammelbegriff "Adivasi" bezeichnet werden. Vor vielen hundert Jahren gerieten die Königreiche der Bhil im Westen Indiens unter den Druck mächtiger Armeen aus dem Norden. Damals zog sich das stolze Volk in die unwirtliche Berglandschaft zurück. Die Bhil nahmen lieber Armut und Entbehrung in Kauf, als sich zu unterwerfen. Heute stehen sie vor einer ähnlichen Entscheidung. Geschichte wiederholt sich.

Atmo 8: Presslufthammer 16/98 B-680
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Autor:
Etwa fünfzig Kilometer flußabwärts von Domkhedi bebt die Erde, werden buchstäblich Berge versetzt. Dort wo die Narmada die Hapeshwar-Schlucht verlässt und in die Küstenebene eintritt entsteht eines der mächtigsten Bauwerke des Landes, der Sardar Sarovar-Staudamm. Mehr als einen Kilometer weit krümmt sich die Betonmauer von Ufer zu Ufer. Mit 160 Metern soll sie einmal die Höhe des Kölner Doms erreichen. Politiker und Bürokraten wollen so Wasser für Industrie und Landwirtschaft sowie Elektrizität gewinnen. In großformatigen Zeitungsanzeigen wird das Projekt als die neue Lebensader für den Unionsstaat Gujarat gepriesen.

Der Sardar Sarovar-Damm ist nur der Anfang. Für die kommenden 50 Jahre sind 30 weitere Großdämme geplant. Die Narmada soll in eine Kette von Seen verwandelt werden. Städte und Industrien würden weiter wachsen können, doch die Zeche müsste die Landbevölkerung zahlen. Felder und Häuser von fast einer Million Menschen drohen in den Fluten unterzugehen. Die meisten Betroffenen gehören zu den Adivasi, deren Wirtschafts- und Lebensweise eng mit der Natur verknüpft ist. Mit der Umsiedlung werden die Dorfgemeinschaften auseinander gerissen. Götter und Ahnen, die den Menschen Geborgenheit vermitteln, müssen in der Heimat zurückbleiben. Entwurzelt, isoliert, der Heimat und der Religion beraubt, bleibt den meisten Vertriebenen keine Wahl, als sich dem Heer der Wanderarbeiter und Tagelöhner anzuschließen. Pervi Bhilala, eine Bäuerin aus Domkhedi, leistet Widerstand.


Take 13: Pervi Bhilala 5/99-B-300/480
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Zitatorin:
"Wir sind für ein Leben im Wald geboren, woanders finden wir uns nicht zurecht. Dieses Land bedeutet uns alles, es ernährt Mensch und Vieh. Wenn all das untergeht, sind wir ruiniert. Wir haben keine Wahl: dies ist unser Land und wir werden hier bleiben, komme was da wolle!"

Atmo 9: Protestparolen 5/99-A-258
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Autor:
„Rettet die Narmada – Wir stehen alle zusammen!“ skandieren die Demonstranten. Seit zehn Jahren leistet die Bevölkerung im Narmada-Tal Widerstand gegen ihre Vertreibung und die Zerstörung der Umwelt. Ihre gewaltlosen Proteste zwangen die Weltbank, sich aus der Finanzierung des Sardar Sarovar-Dammes zurückzuziehen. In enger Kooperation mit deutschen Umweltschützern konnten die Konzerne Siemens, Bayernwerk, VEW und die Bayerische Hypo-Bank daran gehindert werden, in eine zweite Staumauer nahe der historischen Stadt Maheshwar zu investieren. In jüngster Zeit hat sich die weltbekannte Schriftstellerin Arundhati Roy, die für ihren Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ mit dem britischen Brooker-Preis ausgezeichnet wurde, der Protestbewegung angeschlossen.

Take 14: Arundhati Roy 4/99-B-152/182
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Zitatorin:
“Mir wurde klar, dass der Kampf am Narmada-Fluss eine Bruchstelle der indischen Gesellschaft darstellt. Ich nenne sie die Berliner Mauer Indiens, ein Symbol für jene Mechanismen, die Reiche und Arme, Städte und Dörfer voneinander trennen. Daher engagiere ich mich.
Symbolhaft für das, was im ganzen Flußtal geschieht, möchte ich die Zustände im ehemaligen Dorf Kevadia beschreiben, wo die Infrastruktur für die Bauarbeiten am Sardar Sarovar-Damm installiert wurde. Etwa 1000 Adivasi-Familien wurden allein für diese Arbeiterstadt von ihrem Land und aus ihren Häusern vertrieben. Sie schuften heute als Hausangestellte in jenen Gästehäusern, die auf ihrem Land gebaut wurden. Vierzig Prozent der enteigneten Ländereien werden aber gar nicht genutzt, dennoch weigert sich die Regierung, das Land an seine ursprünglichen Eigentümer zurückzugeben. Ich habe von Maklern gehört, die Regierungsgebäude privat auf eigene Rechnung vermieten. Hier sieht man deutlich, wie dieses Land funktioniert."

Atmo 10: Narmada-Gebet „OM“ 01/2001-B-285
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Autor:
In Hoshangabad strebt die Geburtstagsfeier ihrem Höhepunkt zu. Während die untergehende Sonne die Stadt und den Fluss in goldene Abendstimmung taucht und die Schatten der Tempeltürme auf den Stufen zum Fluss immer länger werden, entzünden die Pilger kleine Öllämpchen und setzen sie sachte ins träge Wasser. Immer mehr Menschen strömen herbei und suchen einen Sitzplatz auf den steinernen Stufen am Ufer. Aus krächzenden Lautsprechern besingen hohe Frauenstimmen die Schönheit und die Güte der Narmada. Allmählich breiten sich die Geburtstagslichter über den ganzen Fluss aus und verschmelzen mit der Festbeleuchtung der Tempel zu einem riesigen Lichtermeer.

Bis tief in die tropische Nacht hinein steigen Pilger, Hausfrauen und Bäuerinnen hinab zum Fluss und setzen behutsam ihre tönernen Öllämpchen in den Fluss. Damit verbinden sie Wünsche für die Geburt eines Babys, für das Gelingen des Schulabschlusses oder für einen friedlichen Lebensabend. Viele hoffen, die stürmische Jungfrau Narmada möge sich auf magische Weise von der Bedrohung durch die Staudämme befreien, sodass der Fluss und die alte Kultur gerettet werden könnten. Denn nicht nur Häuser und Bauernhöfe, auch hunderte von Tempeln am Flussufer sind vom Untergang bedroht. Die traditionellen Wanderwege der Parikramavasis würden von der Landkarte getilgt und niemand wäre mehr da, der die Pilger beherbergt.

Take 15: Pandit Khaddar 3/2001-A-090
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Zitator:
“Falls die Staudämme tatsächlich gebaut werden, kann die Pilgerwanderung nicht mehr stattfinden. Eine Jahrtausende alte Tradition wäre mit einem Schlag ausgelöscht!“

Atmo 11: Narmada-Bhajan (wie Atmo 1)

 

 

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