Talkrunde und Workshops:
Hindu-Nationalismus in Indien - Eine Gefahr für die Demokratie?

Spätestens seit den blutigen Ausschreitungen gegen Muslime im Bundesstaat Gujarat im Frühjahr 2002 wird in Indien über die Bedeutung des Hindu-Nationalismus und seine Auswirkungen auf die säkulare Demokratie kontrovers diskutiert.

Der Anlass für die tagelangen Pogrome in Gujarat war ein Brandanschlag auf einen mit Hindu-Pilgern voll besetzten Zug. Die neue Qualität der folgenden Ausschreitungen gegen Muslime zeigte sich darin, dass sie von der hindu-nationalistisch geführten Landesregierung nicht nur toleriert, sondern nach Aussagen vieler Berichte auch logistisch und personell unterstützt wurden. Extremistische Organisationen wie der Vishwa Hindu Parishad (VHP) oder Bajrang Dal konnten und können nach wie vor ungehindert ihr Feindbild von Christen und Muslimen, die als Fremdkörper im Organismus der Hindu-Nation gesehen werden, propagieren . Doch die unvorstellbare Grausamkeit sowie die mitunter zynisch anmutenden Rechtfertigungen der Pogrome durch einige Hindu-Nationalisten und die schleppende Aufklärung der an den Muslimen verübten Verbrechen haben viele Sympathisanten der Bharatiya Janata Party (BJP), die die Regierung in Gujarat stellt und die Koalitionsregierung in Neu-Delhi anführt, nachdenklich gemacht. So wird gerade in der indischen Mittelschicht, aus der sich große Teile der Kader der Hindu-Nationalisten rekrutieren, ein Umdenken spürbar.

Programm

Beim Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Thema „Hindu-Nationalismus in Indien - Eine Gefahr für die Demokratie?“ rief der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Deutsch-Südasiatischen Parlamentariergruppe Johannes Pflug in seinem einführenden Vortrag die Ausgangssituation der indischen Staatsgründung 1947 in Erinnerung. Den Verfassungsvätern habe nach dem „traumatischen Erlebnis“ der von blutigen Unruhen begleiteten Teilung Britisch Indiens in Indien und Pakistan viel daran gelegen, die Grundlagen für „einen säkularen Staat in Indien zu legen“. Darauf gründe sich die seither stabile größte Demokratie der Welt, die „nicht so leicht zu erschüttern“ sei. Der Einfluss Hindu-nationalistischer Kräfte auf die Politik und die blutigen Unruhen in Gujarat im vergangenen Jahr werfen allerdings Fragen auf:
War die von der hindu-nationalistischen BJP geführte Regierung Gujarats an den Unruhen beteiligt, hat sie politisches Kapital daraus geschlagen? Nimmt die Diskriminierung anderer Religionen in Indien wirklich zu? Werden die indischen Schulbücher tatsächlich im Sinne der hindu-nationalistischen Ideologie umgeschrieben? „Wenn all das so wäre, hätte es nachhaltige Wirkungen auf die indische Gesellschaft“, so Pflug.

Keine pauschalen Verurteilungen

Über diese Fragen diskutierte eine von der Journalistin Navina Sundaram moderierte Runde von vier in Indien lebenden Expertinnen und Experten: Der auf die Themen soziale Gerechtigkeit und Demokratie spezialisierte Journalist Dilip D'Souza aus Mumbai, die ebenfalls aus Mumbai stammende Frauenrechts-Aktivistin Sonal Shukla sowie die Mitarbeiterin des FES-Büros in Delhi Damyanty Sridharan und der in Poona lebende deutsche Journalist Rainer Hörig. Die über 250 Teilnehmer des Symposiums verfolgten ein facettenreiches und trotz der Brisanz des Themas sachliches Gespräch, bei dem es allen darauf ankam, keine pauschalen Verurteilungen auszusprechen.

Dies wurde schon bei der Suche nach den Ursachen des Hindu-Nationalismus oder „Hindutva“ deutlich. Hindutva ist die ideologische Grundlage des Hindu-Nationalismus und wurde bereits 1923 von V.D. Sarvakar formuliert. Nach ihr sind Hindus all jene, deren Vaterland und heiliges Land Indien ist. Muslime und Christen, deren heiliges Land außerhalb Indiens liegt, können nicht zur Nation der Hindus gehören.

Die Mitarbeiterin der FES in Delhi, Sridharan, betonte, dass diese Ideologie keineswegs mit dem Hinduismus gleichzusetzen sei. Das Verfolgen hindu-nationalistische Ziele im Namen des Hinduismus sei ein Missbrauch dieser Religion.

Nach Ansicht Shuklas wird dies systematisch getan. Religiöse Feste werden instrumentalisiert, um hindu-nationalistische Ideen zu verbreiten. Den Erfolg dieser Strategie sieht sie in wirtschaftlichen Problemen vieler Inder begründet. Diese führen immer wieder zu Spannungen gegenüber Minderheiten, die sich dann gewalttätig entladen.

Indien habe es nicht geschafft, den Bedürfnissen aller seiner Bürger gerecht zu werden, betonte auch D’Souza. Der Journalist erklärte das Erstarken der Hindutva-Bewegung als eine Reaktion auf gescheiterte Versuche der Vergangenheit, sozialistische Ideen auf Indien zu übertragen, sowie auf die sozialen Ungerechtigkeiten, die im Laufe der Industrialisierung des Landes entstanden sind. Dass viele Menschen die Alternative nun im Hindu-Nationalismus sähen, mache aber D’Souza zu Folge „alles nur noch schlimmer“. Er empfindet den Hindu-Nationalismus als eine Gefahr für die säkulare Demokratie in Indien.

Einheit aller Hindus?

Der deutsche Journalist Rainer Hörig stellte die von den Hindu- Nationalisten oft propagierte Einheit aller Hindus in Frage. Sie versuchten zwar, auch kastenlosen Dalits und Adivasis, die außerhalb des Hindu-Systems stehen, für ihre Bewegung zu vereinnahmen, „doch auf welcher Position?“ Diese Menschen blieben weiterhin in einer Minderheitenposition, ihre Forderungen würden auch durch eine Beteiligung an der hindu-nationalistischen Bewegung nicht angemessen berücksichtigt, gab Hörig zu bedenken.

Die Expertinnen und Experten auf dem Podium betonten die Rolle der indischen Mittelschicht innerhalb des Hindu-Nationalismus. D’Souza argumentierte, sie wende sich - zunehmend enttäuscht von Korruption und Selbstherrlichkeit der traditionellen politischen Vertreter - vom säkularen Staatsmodell ab und der Hindutva-Ideologie zu. Obwohl weite Teile dieser Bevölkerungsschicht sich in vielen Bereichen westlichen Ideen und Verhaltensweisen annäherten, gebe es gerade im Bereich der Religion eine starke Hinwendung zu traditionellen Werten, meinte Shukla. Daraus schlügen die Hindutva-Organisationen Kapital. Das Spannungsfeld auf der Suche nach einer Identifikation zwischen in Indien stärker werdenden westlichen Einflüssen und der eigenen Kulturgeschichte und der althergebrachten Gesellschaftsvorstellung werde durch die Globalisierung verstärkt, ergänzte Hörig. Dies sei gerade bei der Jugend spürbar. Hin- und hergerissen zwischen westlichen Videoclips und sexueller Freiheit auf der einen und traditionellen Riten in Tempeln sowie konservativen Familienvorstellungen auf der anderen Seite entschieden sich viele Jugendliche für eine radikale Hinwendung zu den vermeintlich traditionsbewahrenden Hindu-Nationalisten.

Militanter Hinduismus

Dabei verkehre die Hindutva-Bewegung Teile der eigenen Religion ins Gegenteil. Der Hinduismus sei an sich eine sehr tolerante und offene Religion, die andere Glaubensrichtungen neben sich gut akzeptieren könne. Die Hindu-Nationalisten sähen diese Offenheit aber als Schwäche an und propagierten einen „starken, militanten Hinduismus“. Um diese Ansicht durchzusetzen, würde auch Geschichte umgeschrieben. Inwieweit sich dies bereits in den Schulbüchern niederschlage und welche Konsequenzen dies habe, müsse sich nach Ansicht der Expertinnen und Experten allerdings noch zeigen.

Gegen Vereinfachungen wie Muslime gleich Fremde und Hindus gleich Inder wandte sich die Moderatorin Sundaram. Forderungen nach einer „Rückkehr“ der Muslime nach Pakistan, wie sie von extremistischen Hindutva-Organisationen wie der VHP immer wieder erhoben würden, seien absurd. Indien wäre im Gegensatz zu Pakistan ein säkularer Staat, der nicht nur die Heimat der Hindus sei. „Die Muslime können nicht zurückgehen, Indien ist ihre Heimat“, stellte sie fest. Sridharan betonte die Gemeinsamkeiten, die die Menschen in Indien trotz unterschiedlicher Religionen hätten. So hätten Muslime im südindischen Kerala beispielsweise weit mehr mit ihren hinduistischen Nachbarn gemein als mit den Muslimen in Pakistan.

Auch in Hinblick auf die Ausschreitungen in Gujarat mahnte D’Souza zu einer differenzierten Betrachtung der Problematik. Nicht alle Hindus dort seien Mörder, es gebe gerade unter ihnen viele kritische Stimmen, die die Geschehnisse verurteilten. Zudem betonten er und Hörig, dass auch bei den Muslimen in Indien extremistische und fundamentalistische Bewegungen beunruhigenden Zulauf hätten. D’Souza forderte Politik und Justiz auf, Ausschreitungen wie in Gujarat in Zukunft entschieden entgegenzuwirken und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Die dubiose Haltung der Regierung in Gujarat verurteilte er. Es reiche nicht aus, demokratisch gewählt zu sein, man müsse auch so handeln. Man habe es nicht geschafft, Sicherheit für alle zu gewährleisten.

Respektiert zu werden, setzt Respekt voraus

Bei der Frage, wie dem Aufstieg der Hindutva-Bewegung entgegengewirkt werden könne, sprach sich Shukla gegen Verbote der extremistischen Organisationen aus. Vielmehr solle man versuchen, in der Öffentlichkeit die „guten Elemente und die Offenheit des Hinduismus“ zu betonen. Sridharan forderte, dass die Zivilgesellschaft ein Bündnis mit säkularen demokratischen Parteien, den Medien und der Justiz suchen solle, um sich gemeinsam der Gefahr des Hindu-Nationalismus entgegenzustellen. Gewissermaßen stellvertretend für das Podium forderte D’Souza ein besseres Miteinander der verschiedenen Religionen Indiens: Respektiert zu werden setze den Respekt vor anderen voraus.

Eine lange Tradition der Ungerechtigkeit

Die Teilnehmer des Symposiums, darunter viele Fachleute aus Hochschulen und Wirtschaft, Diplomaten sowie interessierte Privatleute aus Indien und Deutschland, nutzten die anschließenden Workshops und Pausen , um die Diskussion kontrovers weiterzuführen. Mit Dilip D’Souza wurden die Ereignisse in Gujarat ausführlich erörtert. Besonders moniert wurde die ungleiche Behandlung der Opfer und Täter bei Hindus und Muslimen durch die Justizbehörden und die Polizei. Für D’Souza fügen sich die jüngsten Vorfälle in „eine lange Tradition der Ungerechtigkeit“ ein. Ein aus Indien stammender Teilnehmer fragte, warum die angebliche Zerstörung eines Hindu-Tempels in Ayodha vor 500 Jahren, die so lange keinen Anlass zu Diskussionen bot, in den letzten Jahren plötzlich Anstoß erregen konnte. BJP und andere Organisationen des Hindutva hätten das Thema aufgegriffen, um Stimmung zu machen und so Macht und Einfluss zu gewinnen, antwortete der Journalist aus Mumbai.

Das Meinungsspektrum in der Diskussion ging weit auseinander. Der Hindu-Nationalismus an sich sei kein bedrohliches Phänomen, lediglich seine Auswüchse wären ein Problem, die das indische Rechtssystem noch nicht in den Griff bekommen habe, meinte ein Teilnehmer. Von anderer Seite wurde Hindutva als „Hindu-Faschismus“ bezeichnet, der durchaus mit dem Nationalsozialismus verglichen werden könne. D’Souza sah zwar durchaus Parallelen zwischen dem Hindu-Nationalismus und dem deutschen Faschismus, wollte die Entwicklungen in Indien aber nicht auf eine Stufe mit dem Regime Hitlers stellen.

Urmila Goel | Friedrich-Ebert-Stiftung | Die Friedrich-Ebert-Stiftung in Asien