
Neugier genügt
Redaktion: Kirsten Pape
"Väterchen Ganesh lebe hoch!"
Von Rainer Hörig
Take 1: Atmo „Morya“ 2007/06-B 140
Sprecher 1:
„Ganpati Bappa Morya - Väterchen Ganesh lebe hoch!" Mit lauten Rufen folgen etwa einhundert Menschen einem mit Blumen und bunten Papiergirlanden verzierten Lastwagen, auf dem eine meterhohe Götterstatue thront. Viele tanzen auf der Straße, Trommler schlagen dazu den Takt. Schaulustige werden ermuntert, in den Jubelchor einzustimmen und sich in die Prozession einzureihen. Kaum jemand kann sich der Begeisterung der Festgemeinde entziehen.
Take 2: Straßenmusik 2007/06-B 335
Sprecher 2:
Hindus in ganz Indien feiern im September Ganesh-Chathurti, ein zehntägiges Fest zu Ehren des Herrn der Weisheit, des Hüters von Wohlstand und Glück. Die Gottheit wird stets mit vier Armen, einem runden Wohlstandsbauch und dem Kopf eines Elefanten dargestellt. Aufgrund seiner sympathischen Erscheinung und seiner segensreichen Kräfte zählt Ganesh zu den beliebtesten Göttern in Indien. Viele Gläubige rufen ihn vor schwierigen Entscheidungen, vor langen Reisen oder wichtigen Geschäften um Hilfe an.
Take 3: Atmo Frauen beten 2007/06-B 250
Sprecher 1:
„Ganpati Bappa Morya!" Pune und das benachbarte Mumbai, früher Bombay, sind die Hochburgen des Ganesh Chathurti. An nahezu jeder Straßenecke, auf Hinterhöfen und öffentlichen Plätzen schießen dort temporäre Tempel aus dem Boden, riesige Wellblechbuden, mit bunten Stoffen bespannt. Mithilfe von Pappmache und Styropor bauen pfiffige Handwerker darin epische Szenen mit Götterfiguren und Heiligen auf. Alles ist möglich, Hauptsache es zieht Publikum an. Dazu sollen auch Türme von Lautsprecherboxen dienen, die von morgens bis abends religiöse Hymnen und Bollywood-Schlager in voller Lautstärke ausstrahlen. Natürlich gibt es Beschwerden über Lärmbelästigung und Verkehrsbehinderung. Aber unter dem Deckmantel religiöser Bräuche ist in diesen Tagen fast alles erlaubt. Ganesh hat das Kommando über die Stadt übernommen.
Take 4: Atmo Verkehr/Gebet 2007/06-B 001
Sprecher 1:
An einer Bretterbude, bis oben gefüllt mit bunt bemalten Ganesh-Figuren, erwirbt der Volksschullehrer Vikas Shirole einen Gott. Seine Tochter Shruti begleitet ihn.
Take 5: Festteilnehmer 2007/06-B 292
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Zitator:
"Wir holen heute Ganesh zu uns nachhause und werden ihn zehn Tage lang bewirten. Wir behandeln ihn wie ein Familienmitglied und kochen seine Lieblingsspeisen. Wir beten und singen für ihn."
Take 6: Studentin 2002/11-A 060
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Zitatorin:
"Ganesh ist mein Lieblingsgott. Während des Festes herrscht im Haus eine besondere Stimmung, irgendwie spürt man seine Anwesenheit. Wir erhalten viel Besuch und verteilen Süßigkeiten. Das Fest bietet eine gute Gelegenheit, Feunde und Familienmitglieder zu treffen. Ich genieße das sehr!"
Take 7: Atmo Immersion 2 2007/06-B 540
Sprecher 2:
Ursprünglich war das Ganesh-Fest eine private Angelegenheit. Vor rund einhundert Jahren rief der Journalist Bal Gangadhar Tilak dazu auf, die beliebte Gottheit öffentlich zu verehren. Im Jahr 1893 organisierte er in Pune die ersten öffentlichen Gebete und Prozessionen. Tilak, der auch unter seinem Ehrentitel Lokmanya (Hindi: vom Volk Verehrter) bekannt ist, war glühender Nationalist und gilt als Vater der antikolonialen Freiheitsbewegung. Er machte sich die Popularität Ganeshs zunutze, um das Versammlungsverbot, mit dem die britischen Kolonialherren jegliche Opposition unterdrückten, zu unterlaufen. Lokmanya Tilak gründete Jugendclubs, sogenannte "Mandals", die im Namen Ganeshs Geld für kulturelle Veranstaltungen sammelten, Literaturabende, Tanzvorführungen und auch politische Debatten organisierten. Diese Tradition wird bis heute lebendig gehalten.
Take 8: Atmo Straßenfest 2007/06-A 570
Sprecher 1:
Eine der ältesten und bekanntesten Tempel der Stadt, der Dagdu Seth Halwai Ganpati, benannt nach seinem Stifter, einem reichen Kaufmann, steht mitten in der Altstadt. Wegen des großen Andrangs muss die Statue während des Festes in ein riesiges, temporär aus Holz und Plastik errichtetes Auditorium umziehen. Zum festlichen Anlass wird die rund zwei Meter hohe Statue von Kopf bis Fuß mit Juwelen geschmückt: Seine goldene Krone, Halsbänder, Ohrringe und Armreifen sind mit Diamanten, Smaragden und Rubinen besetzt. Polizisten und zivile Wachmänner zu seiner Seite lassen vermuten, dass die Geschmeide, mit Spenden von Gläubigen erworben, keine Imitate sind.
Take 9: Atmo Ganeshfest 2007/06-A 001
Sprecher 1:
"Ganpati Bappa Morya!" Ein paar Straßen weiter locken fromme Lieder die Menschen in ein weitaus bescheideneres Auditorium. Im Inneren hängen schaurige Bilder von qualmenden Müllhalden, machen leere Plastikflaschen und kaputte Computermäuse auf die drängenden Abfallprobleme in Pune aufmerksam. Ein Helfer kündigt eine Live-show an.
Take 10: Atmo „garbage show“ 2007/06-A 350
Sprecher 1:
Schauspieler betreten die von einer großen Ganesh-Statue dominierte Bühne. In Sketchen und Liedern beschreiben die Bewohner von Urali Devachi ihre Nöte. In dem Dorf 30km vor der Stadtgrenze landet der gesamte Müll der Stadt auf einer ungesicherten Deponie.
Take 11: R. Shinde 2007/06-A 233
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Zitator:
"Wir zeigen hier, wie die Menschen in Urali Devachi unter unserem Müll leiden. Das Zeug wird da einfach abgekippt, ein riesiger Müllberg ist entstanden. In der Regenzeit fließt der Müll ins Dorf und verseucht die Brunnen. Die Dorfbewohner sind hilflos und die Regierung tut nichts, um die Zustände zu verbessern. Wir wollen das ändern und versuchen daher, ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen und Druck auf die Stadtverwaltung auszuüben. Wir bringen den Menschen bei, Abfall zu vermeiden und Müll zu trennen. Das ist unser Beitrag zum Ganesh-Fest!"
Sprecher 1:
Rajendra Shinde ist Präsident des "Maharashtra Jugendclubs". Sein Vater habe den Club, heute etwa 150 Mitglieder stark, vor 56 Jahren gegründet, erklärt der Mittdreißiger. Clubmitglieder leisteten freiwillig Sozialarbeit im Stadtviertel und nutzten das Ganesh-Fest, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Rajendra Shinde macht kein Hehl aus seiner Mitgliedschaft in der rechstradikalen Hindupartei Shiv Sena, die in Maharashtra über großen Einfluss verfügt.
Take 12: Atmo Immersion 3 2007/06-B 590
Sprecher 1:
"Ganpati Bappa Morya!" Arm und Reich, Jung und Alt, alle versammeln sich am Flussufer. Nachdem Ganesh zehn Tage lang als Gast verwöhnt wurde, gerät der Abschied zum Höhepunkt des Festes. Hunderte von Prozessionen, mit Musikbegleitung und eigenem Ordnerpersonal, machen sich am elften Tag auf den Weg zum Fluss, um ihren Gott der Natur anzuvertrauen. Dieser von Lokmanya Tilak inspirierte Brauch entwickelte sich zu einem prachtvollen Wettkampf, in dem jeder Mandal seine Stärke und sein Können zur Schau stellt. Im vergangenen Jahr zogen sich die Prozessionen über 30 Stunden hin, durch die Nacht bis zum Morgengrauen. Von diesem Moment an freuen sich die Menschen auf das Ganesh-Fest im kommenden Jahr. Alle haben sich prächtig amüsiert, viele haben gute Geschäfte gemacht, Politiker mit guten Taten auf sich aufmerksam gemacht.
Take 13: Filmmusik „Morya Re“ aus dem Film „Don“
Sprecher 2:
Aber nicht alle sind zufrieden. Pune's Flüsse und Seen haben an Zigtausenden versenkter Ganesh-Statuen arg zu leiden.
Take 14: Manisha Gutman 2007/07-A 112, 020, 035, 070
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Zitatorin:
"Das Problem ist nicht der Glaube, es sind die Materialien, aus denen die Statuen heute bestehen. Früher waren sie aus Lehm, einem natürlichen Material. Heute werden sie aus Gips hergestellt, der Jahre braucht, um sich im Wasser aufzulösen. Ein weiteres Problem sind moderne chemische Farben, die Quecksilber und Blei enthalten. Ich schätze, dass in Pune jedes Jahr fünfzig bis fünfundsiebzigtausend Ganesh-Statuen versenkt werden. "
Sprecher 2:
Manisha Gutman arbeitet mit Freunden aus der Umweltinititative Kalpavriksh in einer Kampagne für "Sichere Feste" zusammen. Sie konnten die Stadtverwaltung davon überzeugen, große Wassertanks am Flussufer aufzustellen, in denen Gläubige ihre Statuen versenken können. In Zusammenarbeit mit einer Gewerkschaft von Müllsammlern organisieren sie das Einsammeln von Blumenkränzen und anderem schmückenden Beiwerk, das später kompostiert, recycelt oder verkauft wird. Manisha Gutman:
Take 15: Manisha Gutman 2007/07-A 112
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Zitatorin:
"Die Versenkung der Statuen hat einen hohen symbolischen Wert. Sie steht für den Glauben, alles entspringe der Erde und alles werde schließendlich wieder zu Erde. Wir erkennen darin auch Parallelen zur Ökologie. Wir müssen die Religion wieder zu ihren Wurzeln führen und die Menschen einfach immer wieder daran erinnern!"
Take 16: Filmmusik „Morya Re“ (wie Take 13)