
Diesseits von Eden
Red. Theo Dierkes
Sdg.: 23.9.2007
Untergang in Würde – die Minderheit der Parsen in Indien
Von Rainer Hörig, Pune
Autor:
Die Parsen gelten in Indien als modern, erfolgreich und wohlhabend. Doch viele sorgen sich um die Zukunft, denn ihre Bevölkerung nimmt alle zehn Jahre um zehn Prozent ab. Auswanderung und Kinderlosigkeit werden als Ursachen genannt, aber auch das Brauchtum, etwa die streng patriarchalische Erbfolge. Frauen, die einen Nicht-Parsen heiraten, werden aus der Gemeinschaft verstoßen. Kinder aus Mischehen, deren Vater nicht Parse ist, werden nicht als Parsen anerkannt. Farida Frenchman fordert gleiche Rechte für Frauen in der Gemeinschaft.
Take 1: Farida Frenchman A 170
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Zitatorin:
„Wenn der Vater Parse ist, so wird das Kind ohne Probleme in den Glauben initiiert. Nicht so, wenn nur die Mutter Parsin ist. Aber eigentlich sollte es doch genau umgekehrt sein, denn wer bringt denn die Kinder zur Welt? Die Mutter hat doch auch ein Recht!“
Autor:
In den Parsen-Gemeinden tobt eine heftige Debatte um eine Öffnung der Gemeinschaft, die den drohenden Untergang vielleicht aufhalten könnte. Widerstand kommt vor allem aus der Priesterschaft. Kaipashin Raimalwalla etwa, der Sohn eines Tempelpriesters, ist strikt dagegen:
Take 2: Kaipashin B 583
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Zitator:
„Wir wollen unser Erbgut erhalten und den Glauben rein halten, so wie er uns vom Propheten überliefert wurde. Unsere Vorväter flohen aus ihrer Heimat, um den Glauben zu bewahren. Ich möchte so bleiben, wie ich bin!“
Take 3: Atmo Großstadt-Verkehr
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Autor:
Bombay – Indiens Hafen- und Industriemetropole am Arabischen Meer, die jetzt Mumbai genannt wird. Im vornehmen Stadtteil Malabar Hill ist Indiens Elite zuhause – Großindustrielle, Bollywood-Stars, Spitzenpolitiker. Doch auf der Kuppe des Hügels, der dem feinen Kiez seinen Namen gab, wuchert eine von hohen Mauern umgebene Wildnis. Das über zwei Hektar große Waldgrundstück in einem der teuersten Wohnviertel der Welt hütet ein altes Geheimnis. Riesige Bäume verbergen die sogenannten Türme des Schweigens, auf denen die Zoroastrier ihre Toten bestatten. Jeden Tag tragen Helfer drei bis vier, in weiße Tücher gehüllte Leichname durch das massive Eingangstor in den Wald hoch auf die Türme des Schweigens. Dort betten sie die Toten auf eine Plattform unter freiem Himmel. Die tropische Sonne trocknet das Fleisch aus, Geier und Raubvögel besorgen den Rest. Die Knochen der Verblichenen werden anschließend in einer unterirdischen Kammer bestattet.
Take 4: Katy Dastur A 610
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Zitatorin:
„Ich kann mir keine bessere Methode vorstellen, die Toten zu bestatten. Nunja, als Kind war ich schon etwas geschockt von der Vorstellung, später einmal von Geiern verspeist zu werden. Aber mein Cousin meinte, das sei doch das Beste überhaupt, ein letzter Akt der Wohltätigkeit. Heute meine ich: Diese Methode ist einfach und natürlich.“
Autor:
Katy Dastur, eine gepflegte Dame in fortgeschrittenem Alter, ist wie die meisten Parsen stolz auf ihre Religion und fürchtet, sie könne schon bald der Geschichte angehören. Ihr Prophet Zarathustra verkündete seine Lehre in Persien mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt. Weltweit bekennen sich heute rund einhunderttausend Menschen als Zoroastrier. Im streng islamistischen Iran leben einige Zehntausend. Auch in westlichen Metropolen wie London oder Toronto gibt es kleine Kolonien. Die bei weitem größte Gemeinde hat Zarathustra aber in Indien. Die Vorfahren der rund siebzigtausend Gläubigen, hier Parsi, also Perser genannt, kamen vor dreizehnhundert Jahren nach Indien.
Take 5: Katy Dastur A 210
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Zitatorin:
„Mit dem Schiff flohen die Parsen vor religiöser Verfolgung im Iran. Die Monsunwinde trieben sie an die indische Küste im heutigen Unionsstaat Gujarat. Der dortige König gewährte ihnen Asyl.“
Take 6: Atmo Parsen-Gebet
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Take 7: Dadiba Panthanki B 265
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Zitator:
„Wir haben zwei Gottheiten, die die Gegensätze dieser Welt repräsentieren: Ahura Mazda steht für das Gute, Positive, Aheremin für das Böse, Negative. Wir glauben an gute Gedanken, gute Worte, gute Taten.“
Autor:
Dadiba Panthanki, Priester im Parsentempel zu Pune, rund einhundert Kilometer von Mumbai entfernt, erklärt die Lehre des Zarathustra. Sie ist im heiligen Buch Avesta festgehalten. Demnach wird die Welt vom Kampf zwischen Gut und Böse bestimmt, und jeder Gläubige hat die Pflicht, das Gute zu unterstützen – durch gute Gedanken, gute Worte, gute Taten. Die Jünger Zarathustras verehren ihren Gott Ahura Mazda in Form ewiger Feuer, die in fast schmucklosen Tempeln brennen.
Take 6: Atmo Parsen-Gebet
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Autor:
Viele Parsen meinen, ihr Glaube müsse mit der Zeit gehen und sich reformieren. Sie verweisen auf ihr Wahrzeichen, die Türme des Schweigens. Die Bestattungsriten funktionieren nicht mehr reibungslos, seit die Geier in in Indien fast ausgestorben sind. Namhafte Parsen, unter ihnen hochdotierte Ärzte, warnen vor unhygienischen Zuständen und Seuchen, weil die Leichname auf den Türmen des Schweigens jetzt nur langsam verwesen. Die Reformer fordern, auch das Verbrennen und Beerdigen von Leichnamen zu akzeptieren. Doch bislang sind nur wenige Priester bereit, bei solchen Bestattungen die letzten Riten zu lesen.
Take 8: Atmo Parsen-Gebet, wie Take 6
zum Ausklang
Für die Moderation:
Zu den bekanntesten Zoroastriern zählen der Konzertdirigent Zubin Mehta, der Rockmusiker und Songschreiber Freddie Mercury, der in Kanada lebende Schriftsteller Rohinton Mistry und einige indische Großindustrielle.