
Adivasi – Indiens Ureinwohner erwachen
Von Rainer Hörig, Pune
Take 1: Atmo Demo
Sprecherin:
Mit heulendem Motor und aufgeblendeten Scheinwerfern nähert sich ein Lastwagen. Die Menge, die die Straße blockiert, wird unruhig. Da springen die Jungs der schnellen Eingreiftruppe aus den Büschen und rennen, mit Äxten, Pfeil und Bogen drohend, auf den Lastwagen zu. Der Fahrer legt eilig den Rückwärtsgang ein und macht sich aus dem Staub. Die Menge jubelt. Im ungleichen Kampf Mensch gegen Maschine haben sie zumindest einen Zwischensieg errungen.
Sprecher:
Seit dem 2. Januar 2006 blockieren Demonstranten die Nationalstraße 200 im ostindischen Staat Orissa nahe der Stahlstadt Kalinganagar. An diesem Tag fand hier eine Demo gegen ein neues Stahlwerk statt. Polizisten feuerten in die Menge und töteten 12 Menschen. Aus Protest sperrten Dorfbewohner ein 4 km langes Stück der wichtigen Verbindungsader mit Baumstämmen und Felsbrocken. Hinter den Barrikaden sitzen junge Burschen mit Turbanen und Pfeil und Bogen und erinnern an ihre Forderung: Entschädigung für die Opfer, Baustop für das Stahlwerk. Die meisten Demonstranten gehören zur Bevölkerungsgruppe der Adivasi, den Nachkommen der Ureinwohner des Subkontinents. Jahrzehntelang mussten sie mit ansehen, wie Bergwerke und Industrieansiedlungen ihre Lebensgrundlagen zerstörten, ohne dass sie auch nur mittelbar von der Entwicklung profitierten. Jetzt greifen indische und auch internationale Konzerne nach Bodenschätzen, Wasser und Land in ihrer Heimat im östlichen Indien. Doch viele Adivasi-Gemeinschaften weigern sich, ihr Land aufzugeben. Ihr Widerstand droht zu einem massiven Stolperstein auf Indiens Weg zur neuen Wirtschaftsmacht zu werden.
Take 2: Adivasi-Trommeln
Sprecherin:
Etwa 8 Prozent der indischen Bevölkerung, das sind immerhin rund 90 Millionen Menschen, bezeichnen sich als Adivasi. Hinter diesem Sammelbegriff verbirgt sich eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensstile, Kulturen und Ethnien. Die etwa 700 verschiedenen indigenen Volksgruppen besitzen eigene, schriftlose Sprachen und Kulturen, die sich vom indischen „mainstream“ deutlich unterscheiden.
Sprecher:
Adivasi sind die Nachfahren indischer Ureinwohner, die den Subkontinent besiedelten, bevor Hirtennomaden aus Zentralasien zwischen 1500 und 1000 v. Chr. die fruchtbare, damals noch dicht bewaldete Gangesebene eroberten. Deren Priester schrieben die Veden nieder, die ältesten Schriften der Hindus. Darin ist von Kämpfen der indo-germanischen Eroberer mit dunkelhäutigen Waldbewohnern die Rede. Allmählich wurden die Nomaden zu sesshaften Bauern. Sie versklavten viele Ureinwohner und setzten sie als Arbeitskräfte ein. Um ihren Status zu festigen, erklärte man sie zu Unberührbaren. Anderen indigenen Gruppen gelang der Rückzug in die Berge und Wälder, wo sie bis in jüngste Zeit ein autarkes Leben führten.
Take 3: Atmo Adivasi-Dorf
Sprecher:
In sanften Hügelwellen steigt das Hochland von Chota Nagpur südlich der Gangesebene auf. Von der Stadt Ranchi führt eine Nationalstraße gen Süden, vorbei an Dörfern mit lehmverputzten Häusern und Missonsstationen. Die Regenzeit neigt sich dem Ende zu, auf einigen Feldern beginnt schon die Reisernte. Frauen in bunten Saris bücken sich über das Getreide und schneiden büschelweise Halme mit goldbraunen Ähren ab. Chota Nagpur ist Heimat der Munda, Oraon, Santal, Ho und anderer Adivasi-Völker.
Sprecherin:
Auf mitunter abenteuerlichen Wegen gelangen wir in das Munda-Dorf Kalet, eine lose Ansammlung strohgedeckter Lehmhäuser unter alten Mango- und Tamarindenbäumen. Marcus Guria, Häuptling über 18 Mundadörfer empfängt uns mit einem fast zahnlosen Lächeln. Er führt uns zum Dreschplatz, wo zwei Frauen mit Worfeln und Windkraft die Spreu vom Reiskorn trennen. Er zeigt uns einen kleinen Kanal, durch den Wasser aus einem Bach auf die Felder fließt. Dann stehen wir vor einer Ansammlung grob behauener, bis zu zwei Meter hoher „Hinkelsteine“, den Grabmählern der Ahnen. Marcus Guria erklärt:
Take 4: Marcus Guria
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
„Alles, was wir besitzen, ist unser Land. Auf den Feldern wächst der Reis, im nahen Wald sammeln wir Früchte, Kräuter und Brennholz. Das Land ernährt uns nicht nur, es bewahrt auch unsere Identität, denn es ist Teil unserer Religion, unserer Geschichte.“
Sprecher:
Die Ahnen, die vom Jenseits aus die Menschen beschützen, genössen Verehrung und erhielten Opfergaben, führt der alte Häuptling weiter aus. Die Götter seien auf Berggipfeln und in besonders geschützten Waldstücken zuhause. Auch in der Geschichte und der Kultur spiele die Natur, die reale Umwelt eine große Rolle.
Take 5: Marcus Guria
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
„Außenstehende verstehen oft nicht, dass wir nicht Besitzer, sondern nur Verwalter des Landes sind. Die Ahnen haben uns dieses Land treuhänderisch in die Hände gelegt, und wir müssen es an die nächste Generation weiter geben. Wie können wir den Wohnsitz unserer Götter, das Erbe der Vorfahren einfach verlassen oder verkaufen?“
Sprecherin:
Schließlich gelangen wir in das Dorf Lohajimi. Dort führt man uns über Fußpfade durch Reisfelder und heilige Haine zu einem Felsvorsprung, der eine grandiose Sicht auf das Tal des Karo-Flusses erlaubt: in einer breiten Schlucht gurgeln die aufgewühlten, lehmbraunen Wasser um Felsbrocken und Sandbänke. In der Ferne glitzern bewässerte Reisfelder im Sonnenlicht. Über steilen Klippen ragen die Hügel des Dalmia-Gebirges auf, das für seine Elefanten und Tiger bekannt ist. Die Luft ist erfüllt vom Rauschen des Flusses und Vogelrufen. Jetzt verstehen wir, warum das Hindi-Wort Dschangel zum Inbegriff für Wildnis wurde.
Take 6: Atmo Flussrauschen
Sprecherin:
Mit ausgestrecktem Arm zeichnet unser Führer Somu Munda eine Linie durch die Landschaft quer durch den Fluss. Dort soll ein 55 m hoher Staudamm die wilden Wasser zähmen und 690 Megawatt Strom produzieren. Das Projekt droht 256 Adivasi-Dörfer zu überfluten und 250.000 Menschen heimatlos zu machen. Somu Munda klagt:
Take 7: Somu Munda
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
„All unser Land, unsere Häuser, der Wald, alles wird untergehen. Alle Menschen werden von hier vertrieben werden. Unsere Kultur und unsere Religion sind mit diesem Land verbunden, sie können nicht woanders wieder aufgebaut werden. Um unsere Identität zu schützen, kämpfen wir gegen den Damm.“
Sprecher:
Somu Munda ist „Präsident“ einer Bürgerinitiative, die seit vierzig Jahren den Widerstand gegen das Staudammprojekt organisiert. Massenproteste und Blockaden zwangen 1975 den Premierminister, die geplante Grundsteinlegung abzusagen, führten zu Parlamentsdebatten und Gerichtsverhandlungen. Im Februar 2001 starben acht Demonstranten durch Polizeikugeln. Die Volksbewegung erhält breite Unterstützung in der Öffentlichkeit, unter anderem durch die in Berlin ansässige Gossner-Mission, die viele Adivasi zu ihren Gemeinden zählt. Somu Munda:
Take 8: Somu Munda
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
„Im Juni 2003 verkündete der Regierungschef, das Koel-Karo-Projekt sei gestrichen. Aber die Regierung hat noch keine amtliche Mitteilung erlassen. Wir sind weiterhin auf der Hut. Notfalls werden wir wieder kämpfen!“
Take 9: Adivasi-Lied
Sprecher:
Chhota Nagpur ist die Schatzkammer Indiens. Das Land der Adivasi, das sich über mehrere Bundesstaaten erstreckt, trägt fast die Hälfte aller Bodenschätze Indiens – Kohle, Kupfer, Eisenerz, Uran, Mangan, Bauxit und andere Mineralien. Britische Kolonialagenten hoben die ersten Kohlegruben aus. Hier entstand im Jahr 1906 Indiens erstes Stahlwerk. Seitdem entwickelt sich die Region zum Zentrum der Schwerindustrie, mit tatkräftiger Unterstützung auch aus Deutschland: In den sechziger Jahren erbaute ein Konsortium deutscher Firmen ein Stahlwerk in dem Dschungeldorf Rourkela, gefördert mit Mitteln der Bonner Entwicklungshilfe.
Sprecherin:
Für die Einheimischen hat dieser sogenannte Fortschritt oft fatale Folgen. Wälder werden gerodet, die Erde aufgerissen, ganze Dörfer zerstört. Minenabraum verseucht die Flüsse, qualmende Schlote verdunkeln die Sonne. Aufgrund mangelnder Qualifikationen finden nur wenige Adivasi Arbeit in der Industrie. Für das mit deutscher Hilfe erbaute Hüttenwerk in Rourkela etwa mussten 16.000 Adivasi ihr Land her geben, aber nur wenige hundert von ihnen bekamen einen Job im Stahlwerk.
Sprecher:
Seit mehr als einhundert Jahren wehren sich Adivasi-Gemeinschaften gegen Ausbeutung und Landraub durch auswärtige Geschäftsleute und korrupte Beamte. Ihre Proteste führten im Jahr 2000 zur Schaffung des neuen Unionsstaates Jharkhand im Kernland von Chhota Nagpur. Aber für die meisten Adivasi habe sich nicht viel geändert, meint Professor Ram Dayal Munda, ehemals Leiter der Universität von Ranchi und einer der Ideologen der Adivasi-Bewegung. Vor einer Kulisse aus Trommeln, Speeren und einem Mittelklasse-Auto beschreibt er die Gemütslage der Dorfbewohner:
Take 10: Ram Dayal Munda
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
„Es begann damit, dass der Premierminister diese Gegend besuchte und uns aufforderte, unser Land für den Fortschritt der Nation zu opfern. Die Stahlwerke von Rourkela und Bokaro und viele andere Industriekomplexe sind auf Adivasi-Land errichtet. Doch die Versprechen auf eine goldene Zukunft erfüllten sich nicht. Die Leute sind übervorteilt worden!“
Sprecherin:
Nach der Liberalisierung und teilweisen Privatisierung des Bergbaus in den neunziger Jahren geben sich Vertreter indischer und multinationeler Konzerne in Ost-Indien die Klinken in die Hand. In den vergangenen Jahren wurden von den Anrainerstaaten des Chhota Nagpur-Plateaus mehr als 120 Vorverträge für teilweise gigantische Stahl- oder Aluminiumhütten mit dazu gehörigen Kohlekraftwerken und Erzminen unterzeichnet. Diese Projekte mit einem Investitionsvolumen von schätzungsweise 50 Milliarden Dollar würden dramatisch zur Entwicklung der Region beitragen und viele Arbeitsplätze schaffen, erklären Politiker und Industrielle. Doch für die, die ihr Land dafür opfern sollen, mehrheitlich Adivasi, klingen solche Worte hohl und verlogen, meint Ram Dayal Munda.
Take 11: Ram Dayal Munda
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
„Unsere Leute haben für ihr Land nichts zurück bekommen, sie wurden einfach vertrieben. Es ist schwer, diese Lektion zu verdauen. Die Menschen sind so oft betrogen worden. Nun sagen sie ein klares und lautes Nein!“
Sprecher:
Nachdem die Standorte dieser Projekte bekannt gegeben wurden, erhoben sich Wellen des Protests. Fast überall erklärten die Bewohner, sie würden ihr Land nicht aufgeben. Der Zorn der Dorfbewohner macht auch vor den eigenen Würdenträgern nicht halt, wie ein Oberhäuptling der Munda erfuhr, der in Verdacht geriet, mit einem Stahlkonzern gemeinsame Sache zu machen. Ram Dayal Munda berichet von einer Versammlung im September 2006 im Dorf Amita, wo ein Stahlkonzern eintausend Hektar Adivasiland für ein Stahlwerk begehrt.
Take 12: R.D. Munda
Abblenden für Übersetzung
Zitator:
“Der Stammesälteste wurde zu einer Versammlung von Dorfoberhäuptern zitiert. Eine Resolution wurde verabschiedet und der Stammesälteste wurde aller Ämter enthoben. Man stürzte ihn unsanft vom Stuhl und führte ihn, mit einer Girlande aus alten Schuhen um den Hals, durchs ganze Dorf. Wie die Adivasi mit ihrem Häuptling umspringen, so würden sie manchmal gerne mit Beamten und Ministern der Landesregierung, selbst mit dem Gouverneur verfahren.“
Sprecher:
Nach dem tragischen Tod von zwölf Adivasi durch Polizeikugeln während der Straßenblockade in Kalinganagar im Januar 2006 erlebte die Region einen spontanen Aufstand. Generalstreiks, Straßen- und Schienenblockaden lähmten tagelang das öffentliche Leben im Adivasiland Chhota Nagpur. Der Widerstand der indigenen Gemeinden hat viele Großprojekte zum Stillstand gebracht. Von der Blockade sind auch deutsche Banken und Anlagenbauer betroffen, die bereits Verträge mit einigen der Investoren geschlossen haben. Neue Auseinandersetzungen um große Industrieansiedlungen im nahen West-Bengalen, die Anfang 2007 viele Tote forderten, lösten landesweite Debatten über die Rolle des Staates bei der Landnahme für große Industrieprojekte aus – bislang ohne Konsequenz. Die Adivasi kämpfen weiter.
Sprecherin:
Am Ortseingang von Ranchi, der größten Stadt auf dem Chhota Nagpur-Plateau, steht zwischen Reklametafeln und hohen Bäumen die überlebensgroße Bronzestatue eines muskulösen Mannes, die Arme vor der nackten Brust verschränkt, einen Turban auf dem Kopf, die Hüfte bedeckt mit einem Dhoti, dem traditionellen Wickeltuch. Überall in Chhota Nagpur ist die Geschichte von Birsa Munda bekannt, der 1899 eine Rebellion der Munda gegen die britischen Landgesetze anführte und ein Jahr später, gerade 27 Jahre alt, im Gefängnis starb. Die Leute sagen: Er gab sein Leben für unser Land und unsere Rechte. Wir dürfen das Erreichte nicht verspielen!
Take 13: Adivasi-Musik Trommeln