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Geschichte, Religion und Gesellschaft

"Alles, was wir besitzen, ist unser Land"


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Adivasi wehren sich zunehmend gegen Marginalisierung und Ausbeutung
Rainer Hörig

Eigenständige kulturelle Identität

In ihrem Kampf um Selbstbestimmung stützen sich die Adivasi auf ihre eigenständige kulturelle Identität. Ihre spirituelle Welt ist bewohnt von Naturgottheiten, die in alten Bäumen und auf Berggipfeln wohnen. Auch die Ahnen werden mit Opfergaben und Festen verehrt, denn sie vermitteln zwischen Mensch und Gott. Wildbeuter im südindischen Regenwald, Brandrodungsbauern auf dem zentralindischen Hochland und Hirtennomaden im Himalaja – Adivasi pflegen eine spirituelle Beziehung zu ihrem Land und wirtschaften weitgehend autark, der lokalen Umwelt angepasst. Ihre Wirtschaftsweise ist darauf angelegt, die Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Profite werden verachtet, Überschüsse mit der Gemeinschaft geteilt. In Liedern und Lagerfeuerlegenden vermitteln sie ihre Geschichte, die Religion und ihre kulturellen Werte. Bei Festen zu Ehren der Natur und der Götter wird die ganze Nacht hindurch getanzt und es fließen reichlich Palmwein und Schnaps.

In Anerkennung der Jahrhunderte langen Diskriminierung schufen die Väter der indischen Verfassung ein System der positiven Diskriminierung: Dalits und Adivasi, auch "anderen zurückgebliebenen Kasten" (Other Backward Classes, OBC) stehen ihrem Bevölkerungsanteil entsprechende Quoten an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen in öffentlichen Betrieben zu. Spezielle Gesetze sollen sie vor gewaltsamen Übergriffen schützen. Gebiete mit großer Adivasi-Bevölkerung sind besonderen Verwaltungsbestimmungen unterworfen. Ein Sonderbeauftragter – der Commissioner for Scheduled Castes and Scheduled Tribes – legt der Regierung regelmäßig Berichte über die soziale Lage der beiden Gruppen vor.

Doch Gewalt und Mord an Dalits und Adivasi sind bis in jüngste Zeit an der Tagesordnung. Die Quoten werden in den seltensten Fällen wirklich ausgeschöpft. Die Berichte des Sonderbeauftragten verstauben in den Schubladen der Ämter. Dagegen haben die Forstgesetze das Land der Adivasi Stück für Stück zum Staatsbesitz erklärt und die Betroffenen der Willkür korrupter Forstbeamter ausgeliefert. Die Landnahme für Großprojekte wie Staudämme, Bergwerke und Infrastrukturprojekte wird nach einem aus der Kolonialzeit stammenden Gesetz abgewickelt, dass den Betroffenen keinerlei Recht zur Mitsprache gewährt und nur eine minimale Entschädigung vorsieht. Im Zuge des jüngsten Wirtschaftsbooms steigt der Bedarf nach Land und anderen Naturressourcen dramatisch an. In Neu Delhi hat man die Notwendigkeit erkannt, diese Gesetze zu reformieren. Doch dieser Prozess geht nur langsam voran, zu langsam, wie die Betroffenen meinen.

Bewegung für mehr Selbstbestimmung

In sanften Hügelwellen fällt das Hochland von Chota Nagpur im östlichen Zentralindien nach Norden zur Gangesebene hinab. Die einst dichten Wälder sind heute vielerorts Reisfeldern, wild wuchernden Städten und Industrieanlagen gewichen. Chota Nagpur ist Heimat der Adivasi-Völker Munda, Oraon, Santal, Ho und vieler anderer, der größte Siedlungsraum indigener Gemeinschaften im ganzen Land. Im 19. Jahrhundert rebellierten Adivasi wiederholt gegen Grundsteuern, Landraub und Unterdrückung durch das Kolonialregime.

An die Tradition von Freiheitskämpfern wie Birsa Munda (1874-1900) anknüpfend fordern Adivasi-Gruppen seit den 1930er Jahren einen eigenen Bundesstaat, um der Ausbeutung durch "dikkus" (Fremde), eingewanderte Händler, Bürokraten und Industrielle einen Riegel vorzuschieben. Ihre teilweise militanten Aktionen führten im Jahr 2000 zur Einrichtung des neuen Unionsstaates Jharkhand (Waldland), der große Teile Chota Nagpurs umfasst. Aber damit fand die Adivasi-Bewegung für mehr Selbstbestimmung kein Ende. Im Gebiet von Kunti etwa, rund 100 Kilometer südlich der neuen Landeshauptstadt Ranchi verhindern bis heute ein paar tausend Munda-Bauern den Bau von Staudämmen über die Flüsse Koel und Karo.

Im Schatten eines Tamarindenbaumes sitzt Marcus Guria, eine Enkeltochter auf dem Arm, und schwatzt mit Freunden seines Sohnes. Wieder einmal sei eine neue Landesregierung im Amt, und abermals müsse man sich fragen, ob sie sich an den hart erkämpften, inoffiziellen Baustopp halten werde. Denn, so gibt der Alte mit der ganzen Würde eines Häuptlings über 18 Munda-Dörfer zu bedenken: "Alles, was wir besitzen, ist unser Land. Es garantiert den Lebensunterhalt und sichert unsere Identität. Außenstehende verstehen nicht, dass sowohl das Gemeinschaftsland der Dorfgemeinschaften als auch das Land der Familien nur geliehen ist. Wir haben es von unseren Ahnen in Treuhand übernommen und müssen es an die nächste Generation weiter geben. Wie können wir den Wohnsitz unserer Götter, das Erbe unserer Vorfahren einfach verlassen oder verkaufen?"

Mit Streiks und Blockaden setzten die Adivasi einen Baustopp durch. 1977 verhinderten sie das Entladen von Zementsäcken auf dem Bahnhof von Pakra. Als Premierministerin Indira Gandhi 1975 den Grundstein für die Staudämme legen wollte, drohten 30.000 Demonstranten eine Blockade an und die Feier musste abgesagt werden. Am 2. Februar 2001 eröffneten Polizisten das Feuer auf Demonstranten, die eine Polizeistation belagerten. Acht Aktivisten starben. Wiederholt verhandelten Führer der Protestbewegung Koel-Karo Jan Sangathan (KKJS) mit Regierungsvertretern, doch ohne Erfolg. "Die Regierung bot uns Entschädigung für unser Land", berichtet Marcus Garia, Mitglied im KKJS. "Wir forderten sie auf, innerhalb einer Frist ein Modelldorf zu errichten, damit wir uns ihr Angebot anschauen könnten. Aber die hohen Herren ließen die Frist ungenutzt verstreichen. Heute sind wir gegenüber der Regierung sehr skeptisch eingestellt."

Die letzten beiden Regierungschefs ließen verlauten, sie wollten die Staudämme nicht ohne Einverständnis der Betroffenen bauen lassen. Doch die Munda sind weiterhin wachsam: "Regierungen kommen und gehen, daher kann es keinen endgültigen Sieg geben", sagt Marcus Guria. "Wir sind stets auf der Hut, um auf jede neue Entwicklung schnell reagieren zu können. Notfalls werden wir wieder kämpfen."

"Die Menschen sind oft betrogen worden"

Jharkhand ist die Schatzkammer Indiens. Hier lagern rund 40 Prozent aller Kohlevorkommen des Landes, 40 Prozent des Kupfers, 22 Prozent der Eisenerzvorräte, außerdem Uran, Mangan, Bauxit und andere Mineralien. Britische Kolonialoffiziere hoben hier die ersten Kohlegruben aus. Seitdem der Unternehmer Jamshed Tata aus Bombay 1906 Indiens erstes Stahlwerk und eine ganze Stadt (Jamshedpur) in den Dschungel setzte, entwickelte sich die Region zum Zentrum der Schwerindustrie. Wälder wurden gerodet, die Erde aufgerissen, Adivasi-Dörfer zerstört. Minenabraum verseucht die Flüsse, qualmende Schlote verdunkeln die Sonne.

"Mehrere Premierminister haben uns aufgefordert, unser Land für den Fortschritt der Nation zu opfern", meint Ram Dayal Munda, ehemals Leiter der Universität von Ranchi und einer der wenigen Adivasi-Intellektuellen. "Die Stahlwerke von Rourkela und Bokaro, der Großbetrieb HEC, alle sind auf Adivasi-Land errichtet. Doch die Versprechen auf eine goldene Zukunft erfüllten sich nicht. Unsere Leute haben für ihr Land nichts zurückbekommen, sie wurden einfach vertrieben. Es ist schwer, diese Lektion zu verdauen. Die Menschen sind so oft betrogen worden, nun sagen sie ein klares und lautes Nein!"

Nachdem der Bergbausektor in den 90er Jahren für private Investoren aus dem In- und Ausland geöffnet wurde, versucht die Regierung von Jharkhand die Bodenschätze international zu vermarkten. Im Jahr 2005 wurden in Ranchi mehr als 40 Vorverträge für neue Bergbau- und Industrieprojekte unterzeichnet, unter anderem mit dem aus Indien stammenden, weltgrößten Stahlkönig Mittal sowie den einheimischen Stahlriesen Tata, Essar und Jindal. Diese Projekte benötigen insgesamt 20.000 Hektar Adivasi-Land. Es dauerte nicht lange, bis sich Widerstand dagegen formierte.

Fast überall erklärten die Bewohner, sie würden ihr Land nicht aufgeben. Als im Nachbarstaat Orissa im Januar 2006 zwölf Adivasi, die gegen ihre Enteignung für ein neues Stahlwerk des Tata-Konzerns in Kalinganagar demonstrierten, von Polizeikugeln getötet wurden, erlebte die gesamte Region einen spontanen Aufstand. Generalstreiks lähmten das öffentliche Leben in Orissa und Jharkhand. Auch in der Stahlstadt Rourkela, von deutschen Ingenieuren geplant und mit deutschen Entwicklungshilfegeldern gefördert, blockierten Adivasi Straßen und Eisenbahnlinien und forderten eine gerechte Entschädigung der vor 40 Jahren vertriebenen Adivasi. Nach einem Regierungswechsel in Ranchi im September 2006 wurden alle 44 Projektvereinbarungen auf Eis gelegt.

Wut und neues Selbstvertrauen

Adivasi-Proteste gegen Bergbau und neue Industrieanlagen in Orissa und Jharkhand, gegen Großstaudämme am Narmada-Fluss und an der Godaveri, für Landrechte in Neu Delhi und anderen Städten künden von einem neuen Selbstvertrauen, aber auch von der Wut der Adivasi, die sich als Verlierer und Opfer des jüngsten Wirtschaftsbooms sehen. Ihr Widerstand speist sich aus schlechten Erfahrungen und der Angst, ihre Identität zu verlieren, die wie bei keiner anderen indischen Bevölkerungsgruppe mit dem Land verknüpft ist. Das Ende 2006 vom Parlament verabschiedete Gesetz zur Festsetzung der Landrechte in Wäldern sowie eine seit mehreren Jahren vorbereitete Nationale Politik für Tribals ("Stämme") könnten – wenn in partizipativer Weise formuliert und demokratisch implementiert – die traditionelle Diskriminierung der Adivasi ein Stück weit beseitigen.

Auch auf Seiten der Industrie ist ein Umdenken gefordert. Der Adivasi-Vordenker Ram Dayal Munda spricht sich für eine Teilhabe der Adivasi am Industrialisierungsprozess aus: "Firmen, die hier Gewinne manchen wollen, gehen eine Verpflichtung gegenüber den Söhnen und Töchtern des Landes ein. Das Management der Firma muss sich mit den Leuten zusammensetzen und verhandeln. Anstatt das Land zu erwerben, sollten sie es pachten und deren Besitzer zu Teilhabern an dem neuen Betrieb machen, sie zu Arbeitern ausbilden und ihnen eine neue Existenz anbieten. Wenn Tata Steel mit der Landesregierung über eine Landpacht verhandelt, warum nicht auch mit den zuständigen Dorfräten?"

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