Ob Windkraft, Biodiesel oder Solarzellen: Grüne Energien sind in Indien im Kommen - nicht selten auf Kosten der Armen
Bis zum Jahr 2020 will Indien 30 Prozent seines
Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken. Während der jüngsten
UN-Klimaberatungen in Wien Ende August reagierte Neu Delhi damit auf
Forderungen der USA und anderer Industriestaaten, auch Schwellenländer
müssten sich zu konkreten Maßnahmen gegen den Klimawandel verpflichten.
Schon
heute gehört Indien zu den weltweit führenden Erzeugern von Energie aus
erneuerbaren Quellen. Hier drehen sich Tausende von Windkrafträdern,
kochen Millionen von Bäuerinnen mit Biogas das Essen, nutzen Haushalte
massenweise Solaranlagen zur Heißwasserbereitung. Die Regierung fördert
das Anpflanzen ölhaltiger Jatropha-Bäume, um aus ihren Früchten
Biodiesel zu gewinnen. "Seit vier bis fünf Jahren entwickeln sich
erneuerbare Energien hier rasend schnell", berichtet der Energieberater
Madhusoodan Pillai. "Den Vorreiter spielt die Windenergie, weil sie
wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Indien ist weltweit der viergrößte
Erzeuger von Windenergie." Doch nicht der Umwelt zuliebe hat Indien
schon früh auf erneuerbare Energien gesetzt. Das Land nutzt schlicht
jede Möglichkeit, das Energiedefizit zu lindern und Dörfer dezentral
mit billiger Energie zu versorgen.
Energiemangel bewog die indische Regierung schon in
den siebziger Jahren, ein Ministerium für erneuerbare Energien
einzurichten. Es fördert die Entwicklung und Anpassung neuer
Technologien und subventioniert den Bau von Windkrafträdern, Biogas-
und Solaranlagen. Immerhin decken erneuerbare Quellen heute fast sechs
Prozent des Primärenergiebedarfs. Das meiste Geld fließt aber in den
konventionellen Energiesektor. Mehr als die Hälfte der Primärenergie
wird in klimaschädlichen Kohlekraftwerken gewonnen, rund ein Viertel
stammt aus großen Wasserkraftwerken, drei Prozent aus Atomkraftwerken.
Indien
beharrt auf seinem Recht auf wirtschaftliche Entwicklung, das auch die
Emission klimaschädlicher Gase einschließe. Doch Entwicklung könne auch
auf umweltfreundlichem Weg erreicht werden, sagt der Lobbyist
Madhusoodan Pillai, der mit seinem "Welt-Institut für nachhaltige
Energien" Regierung und Öffentlichkeit von den Vorteilen erneuerbarer
Energien überzeugen will: "Alle erneuerbaren Energietechnologien
zusammen, einschließlich der thermischen Solartechnik könnten in Indien
viele hunderttausend Megawatt Strom produzieren und große Teile des
Energiebedarfs decken."
Proteste gegen Windparks
Aber
schon zeichnen sich Grenzen für das Wachstum der grünen Energien ab. Im
großindustriellen Maßstab eingesetzt brauchen sie nämlich viel Platz,
und der wird im dicht besiedelten Indien immer knapper. Im
westindischen Unionsstaat Maharashtra protestieren Kleinbauern gegen
einen Windpark, der auf von ihnen bewirtschaftetem Land entstehen soll.
Weiter nördlich, im Wüstenstaat Rajasthan, gehen Bauern gegen
großflächige Pflanzungen des Ölbaumes Jatropha auf die Barrikaden, weil
sie um ihr Gemeindeland fürchten. In beiden Fällen sollen
Landressourcen, die die Armen zum Überleben brauchen, für
Energieprojekte genutzt werden. " Es gibt schlicht keine überschüssigen
Flächen, die niemand nutzen würde", konstatiert der renommierte
Umweltschützer Smitu Kothari. Der Versuch, Benzin und Diesel in der
geplanten Größenordnung durch Biokraftstoffe zu ersetzen, benötige
Millionen von Hektar Land für Jatropha-Bäume oder Zuckerrohr - und das,
obwohl Indien bereits jetzt mit Getreidemangel zu kämpfen hab. Für die
Armen, so Kothari, "ist das Programm zur Förderung von Biodiesel ein
Desaster."