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02. November 2007

Politik

Aktuell

Wo der Ölbaum Bauernland frisst
Ob Windkraft, Biodiesel oder Solarzellen: Grüne Energien sind in Indien im Kommen - nicht selten auf Kosten der Armen
VON RAINER HÖRIG

Bis zum Jahr 2020 will Indien 30 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken. Während der jüngsten UN-Klimaberatungen in Wien Ende August reagierte Neu Delhi damit auf Forderungen der USA und anderer Industriestaaten, auch Schwellenländer müssten sich zu konkreten Maßnahmen gegen den Klimawandel verpflichten.

Schon heute gehört Indien zu den weltweit führenden Erzeugern von Energie aus erneuerbaren Quellen. Hier drehen sich Tausende von Windkrafträdern, kochen Millionen von Bäuerinnen mit Biogas das Essen, nutzen Haushalte massenweise Solaranlagen zur Heißwasserbereitung. Die Regierung fördert das Anpflanzen ölhaltiger Jatropha-Bäume, um aus ihren Früchten Biodiesel zu gewinnen. "Seit vier bis fünf Jahren entwickeln sich erneuerbare Energien hier rasend schnell", berichtet der Energieberater Madhusoodan Pillai. "Den Vorreiter spielt die Windenergie, weil sie wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Indien ist weltweit der viergrößte Erzeuger von Windenergie." Doch nicht der Umwelt zuliebe hat Indien schon früh auf erneuerbare Energien gesetzt. Das Land nutzt schlicht jede Möglichkeit, das Energiedefizit zu lindern und Dörfer dezentral mit billiger Energie zu versorgen.

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Energiemangel bewog die indische Regierung schon in den siebziger Jahren, ein Ministerium für erneuerbare Energien einzurichten. Es fördert die Entwicklung und Anpassung neuer Technologien und subventioniert den Bau von Windkrafträdern, Biogas- und Solaranlagen. Immerhin decken erneuerbare Quellen heute fast sechs Prozent des Primärenergiebedarfs. Das meiste Geld fließt aber in den konventionellen Energiesektor. Mehr als die Hälfte der Primärenergie wird in klimaschädlichen Kohlekraftwerken gewonnen, rund ein Viertel stammt aus großen Wasserkraftwerken, drei Prozent aus Atomkraftwerken.

Indien beharrt auf seinem Recht auf wirtschaftliche Entwicklung, das auch die Emission klimaschädlicher Gase einschließe. Doch Entwicklung könne auch auf umweltfreundlichem Weg erreicht werden, sagt der Lobbyist Madhusoodan Pillai, der mit seinem "Welt-Institut für nachhaltige Energien" Regierung und Öffentlichkeit von den Vorteilen erneuerbarer Energien überzeugen will: "Alle erneuerbaren Energietechnologien zusammen, einschließlich der thermischen Solartechnik könnten in Indien viele hunderttausend Megawatt Strom produzieren und große Teile des Energiebedarfs decken."

Proteste gegen Windparks

Aber schon zeichnen sich Grenzen für das Wachstum der grünen Energien ab. Im großindustriellen Maßstab eingesetzt brauchen sie nämlich viel Platz, und der wird im dicht besiedelten Indien immer knapper. Im westindischen Unionsstaat Maharashtra protestieren Kleinbauern gegen einen Windpark, der auf von ihnen bewirtschaftetem Land entstehen soll. Weiter nördlich, im Wüstenstaat Rajasthan, gehen Bauern gegen großflächige Pflanzungen des Ölbaumes Jatropha auf die Barrikaden, weil sie um ihr Gemeindeland fürchten. In beiden Fällen sollen Landressourcen, die die Armen zum Überleben brauchen, für Energieprojekte genutzt werden. " Es gibt schlicht keine überschüssigen Flächen, die niemand nutzen würde", konstatiert der renommierte Umweltschützer Smitu Kothari. Der Versuch, Benzin und Diesel in der geplanten Größenordnung durch Biokraftstoffe zu ersetzen, benötige Millionen von Hektar Land für Jatropha-Bäume oder Zuckerrohr - und das, obwohl Indien bereits jetzt mit Getreidemangel zu kämpfen hab. Für die Armen, so Kothari, "ist das Programm zur Förderung von Biodiesel ein Desaster."




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Dokument erstellt am 01.11.2007 um 17:16:03 Uhr
Erscheinungsdatum 02.11.2007


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