30. September 2006

Kultur & Medien

Feuilleton

Fettfreie Kekse
Der deutsche Schriftsteller Kristof Magnusson zu Gast in Indien
VON RAINER HÖRIG

"Sobald ich eine Regel aufgestellt hatte und dachte, ich hätte etwas auch nur einigermaßen begriffen, kam sofort ein Indiz, das mir gesagt hat: Nö, es ist alles ganz anders."

Kristof Magnusson ist von Indien verwirrt und gleichzeitig fasziniert. Der chaotische Verkehr, die Bettler, das enge Nebeneinander von Armut und High-Tech erschweren ihm die Orientierung. Kein Wunder, denn er reist zum ersten Mal nach Indien, als Stipendiat des Goethe-Instituts. Magnusson kam als Stadtschreiber nach Pune, eine drei-Millionen Einwohnerstadt, die für ihre Colleges und Automobilfabriken, neuerdings auch für Softwareparks bekannt ist. Als Journalist, der seit 17 Jahren hier lebt, durfte ich Kristof Magnusson auf seinen Gängen begleiten und lernte dabei ebenso viel über den Künstler wie über meine Wahlheimat. Der Autor, häufig zwischen Hamburg und Island pendelnd, reist diesmal ganz anders: "In Indien stellt sich mir dauernd die Frage: Sind die Dinge, die ich hier mache, für mich die Richtigen, um dieses Land kennen zu lernen? So erkennt man einen Kulturschock, nämlich dass man merkt, dass die eigenen Erfahrungs- und Erkenntnismuster nicht mehr greifen."

Indienreise
Kristof Magnusson, geboren 1976, wurde durch mehrere Theaterstücke und den Roman Zuhause bekannt. In dem 2005 erschienenen Buch schildert er die Suche nach einem Zuhause in Island, die Suche nach einer lebbaren Form der Existenz.

Der Schriftsteller besucht Indien als Stipendiat des Goethe-Instituts, das im Rahmen seines Akash-Programmes sieben Autoren aus Deutschland und sieben aus Indien einen mehrwöchigen Besuch im jeweils anderen Land er- möglicht. Indien ist 2006 Schwerpunkt- thema der Frankfurter Buchmesse.

Kristof Magnusson, eher ein stiller Mensch, der die Einsamkeit liebt, muss mit neuen Herausforderungen kämpfen - und sei es nur das Überqueren einer Straße: "Wer sich in Indien mal so richtig wie ein bescheuerter Europäer vorkommen möchte, der sollte versuchen, nach Einbruch der Dunkelheit mit zwei Supermarkt-Tüten hier die Bund Garden Road zu überqueren. Es gibt ja in diesem Verkehr keine Lücken. Alle Lücken, die zwischen LKW und PKW sind, werden sofort ausgefüllt mit Motorrädern und Rikschas, die nur im Idealfall beleuchtet sind. Und man muss dann diese nicht vorhandenen Lücken nutzen. Das ist eines meiner ersten Erlebnisse gewesen wo ich dachte: Das geht so nicht. Ich muss mich hier irgendwie anders verhalten."

Das örtliche Goethe-Institut veranstaltet mit Kristof Magnusson eine Lesung und bietet ihm Treffen mit Kulturschaffenden. Als Ehrengast wird er zur Eröffnung des Pune-Festivals gebeten, das alljährlich die Kulturtradition der Stadt präsentiert: Tanz, Gesang und ein Ochsenkarrenrennen.

Im Gespräch bekennt Magnusson, dass er in erster Linie an den privaten Begegnungen arbeitet, sich mit dem Verhalten der einfachen Menschen und den eigenen Reaktionen beschäftigt. So fragt er, wie andere mit der Konfrontation durch hartnäckig belästigende Bettler umgehen. Jemand rät, stets ein paar Kekse bei sich zu führen. Magnusson findet sich in einem Supermarkt mit rund 30 verschiedenen Kekssorten wieder und kommt ins Grübeln: "Ich dachte, Kekse mit hohem Fettgehalt kann ich nicht kaufen, sonst bekommen die Kinder sofort Durchfall. Als ich dann fettfreie Kekse fand, dachte ich wiederum, das sei zynisch, wenn ich hungernden Kindern fettfreie Kekse gebe. Ich habe mich, glaube ich, eine halbe Stunde in diesem Supermarkt mit Crackern auseinander gesetzt, was ja auch wieder so ein Mechanismus ist, wie man dieses überhaupt gar nicht fassbare Problem der Kinderarmut auf etwas herunter kocht, was man kennt, nämlich die Frage: Was kauft man für Cracker?"

Ein Wohltäter hat hier viele Fans

Beim Verteilen muss der Europäer erfahren, dass ein Wohltäter hier viele Fans hat. Seine einzeln abgepackten Cracker locken viele hungrige Kinder an, die ihn solange nicht in Ruhe lassen, bis er alle verschenkt hat. "Ich habe mit dieser Keks-Episode gelernt, dass man es eigentlich doch nicht machen kann. Und seitdem laufe ich wieder herum und gebe keinem Bettlerkind irgendwas." Ein schlechtes Gewissen als Reicher unter Armen wehrt er ab. "Wenn ich mir in der Bäckerei ein Stück Kuchen kaufe, dann denke ich nicht daran und beruhige mich mit dem Gedanken, zuhause an SOS-Kinderdörfer zu spenden. Ich falle also auf dieselben Kompensationsmechanismen zurück wie andere Europäer auch."

Sympathischerweise gibt der Autor nicht vor, alles zu verstehen und unter Kontrolle zu haben. Und er ist sich wohl bewusst, dass er in den wenigen Wochen seines Aufenthaltes nur einen winzigen Einblick in diese komplexe Welt gewinnen kan. Aber dieser Diskurs eröffnet ja auch neue Einsichten und Horizonte. Besonders für einen Dichter. "Ich habe mich mit einigen indischen Dramatikern unterhalten und fand es sehr interessant, dass das Leute sind, die noch einen anderen Beruf haben. Zumindest im Theaterbereich scheint es nur wenige hauptberufliche Autoren zu geben. Ich lernte einen Pharmakologen kennen, der ein eigenes Unternehmen führt und gerade mit seinem zweiten Theaterstück große Erfolge feiert. Einen Zahnarzt, der auch Theaterkritiker ist, Leute aus verschiedenen Berufen, die nebenbei schreiben. Und das finde ich schon beeindruckend, weil das natürlich eine andere Art von Literatur hervorbringt."

Während einer Lesung erfuhr er von indischen Literaturfreunden, dass man auch hier nach dem Zuhause sucht, wie er es in seinem eigenen Roman zum Thema gemacht hatte. Viele Menschen wanderten auf der Suche nach Arbeit vom Dorf in die Stadt, von einer Stadt zur anderen, sogar nach Übersee. Er habe also Berührungspunkte gefunden, betont Magnusson.

In der kurzen Zeit sei er in Pune nicht heimisch geworden, sagt er, aber er möchte wieder kommen. "Indien bietet viel Stoff für einen Roman", sagt er. "Aber meine Einstellung zu diesem Land ändert sich dauernd. Alles entwickelt und bewegt sich zu schnell für mich. Es ist zu reich und zu arm, zu anstrengend und zu schön - Indien ist eigentlich immer zu irgendwas."




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Copyright © FR online 2006
Dokument erstellt am 20.09.2006 um 16:48:37 Uhr
Letzte Änderung am 20.09.2006 um 17:02:01 Uhr
Erscheinungsdatum 21.09.2006


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