"Sobald ich eine Regel aufgestellt hatte und dachte, ich
hätte etwas auch nur einigermaßen begriffen, kam sofort ein Indiz, das mir
gesagt hat: Nö, es ist alles ganz anders."
Kristof Magnusson ist von
Indien verwirrt und gleichzeitig fasziniert. Der chaotische Verkehr, die
Bettler, das enge Nebeneinander von Armut und High-Tech erschweren ihm die
Orientierung. Kein Wunder, denn er reist zum ersten Mal nach Indien, als
Stipendiat des Goethe-Instituts. Magnusson kam als Stadtschreiber nach Pune,
eine drei-Millionen Einwohnerstadt, die für ihre Colleges und Automobilfabriken,
neuerdings auch für Softwareparks bekannt ist. Als Journalist, der seit 17
Jahren hier lebt, durfte ich Kristof Magnusson auf seinen Gängen begleiten
und lernte dabei ebenso viel über den Künstler wie über meine Wahlheimat.
Der Autor, häufig zwischen Hamburg und Island pendelnd, reist diesmal ganz
anders: "In Indien stellt sich mir dauernd die Frage: Sind die Dinge, die
ich hier mache, für mich die Richtigen, um dieses Land kennen zu lernen?
So erkennt man einen Kulturschock, nämlich dass man merkt, dass die eigenen
Erfahrungs- und Erkenntnismuster nicht mehr greifen."
Kristof Magnusson, eher ein stiller Mensch, der
die Einsamkeit liebt, muss mit neuen Herausforderungen kämpfen - und sei
es nur das Überqueren einer Straße: "Wer sich in Indien mal so richtig wie
ein bescheuerter Europäer vorkommen möchte, der sollte versuchen, nach Einbruch
der Dunkelheit mit zwei Supermarkt-Tüten hier die Bund Garden Road zu überqueren.
Es gibt ja in diesem Verkehr keine Lücken. Alle Lücken, die zwischen LKW
und PKW sind, werden sofort ausgefüllt mit Motorrädern und Rikschas, die
nur im Idealfall beleuchtet sind. Und man muss dann diese nicht vorhandenen
Lücken nutzen. Das ist eines meiner ersten Erlebnisse gewesen wo ich dachte:
Das geht so nicht. Ich muss mich hier irgendwie anders verhalten."
Das
örtliche Goethe-Institut veranstaltet mit Kristof Magnusson eine Lesung und
bietet ihm Treffen mit Kulturschaffenden. Als Ehrengast wird er zur Eröffnung
des Pune-Festivals gebeten, das alljährlich die Kulturtradition der Stadt
präsentiert: Tanz, Gesang und ein Ochsenkarrenrennen.
Im Gespräch
bekennt Magnusson, dass er in erster Linie an den privaten Begegnungen arbeitet,
sich mit dem Verhalten der einfachen Menschen und den eigenen Reaktionen
beschäftigt. So fragt er, wie andere mit der Konfrontation durch hartnäckig
belästigende Bettler umgehen. Jemand rät, stets ein paar Kekse bei sich zu
führen. Magnusson findet sich in einem Supermarkt mit rund 30 verschiedenen
Kekssorten wieder und kommt ins Grübeln: "Ich dachte, Kekse mit hohem Fettgehalt
kann ich nicht kaufen, sonst bekommen die Kinder sofort Durchfall. Als ich
dann fettfreie Kekse fand, dachte ich wiederum, das sei zynisch, wenn ich
hungernden Kindern fettfreie Kekse gebe. Ich habe mich, glaube ich, eine
halbe Stunde in diesem Supermarkt mit Crackern auseinander gesetzt, was ja
auch wieder so ein Mechanismus ist, wie man dieses überhaupt gar nicht fassbare
Problem der Kinderarmut auf etwas herunter kocht, was man kennt, nämlich
die Frage: Was kauft man für Cracker?"
Ein Wohltäter hat hier viele Fans
Beim
Verteilen muss der Europäer erfahren, dass ein Wohltäter hier viele Fans
hat. Seine einzeln abgepackten Cracker locken viele hungrige Kinder an, die
ihn solange nicht in Ruhe lassen, bis er alle verschenkt hat. "Ich habe mit
dieser Keks-Episode gelernt, dass man es eigentlich doch nicht machen kann.
Und seitdem laufe ich wieder herum und gebe keinem Bettlerkind irgendwas."
Ein schlechtes Gewissen als Reicher unter Armen wehrt er ab. "Wenn ich mir
in der Bäckerei ein Stück Kuchen kaufe, dann denke ich nicht daran und beruhige
mich mit dem Gedanken, zuhause an SOS-Kinderdörfer zu spenden. Ich falle
also auf dieselben Kompensationsmechanismen zurück wie andere Europäer auch."
Sympathischerweise
gibt der Autor nicht vor, alles zu verstehen und unter Kontrolle zu haben.
Und er ist sich wohl bewusst, dass er in den wenigen Wochen seines Aufenthaltes
nur einen winzigen Einblick in diese komplexe Welt gewinnen kan. Aber dieser
Diskurs eröffnet ja auch neue Einsichten und Horizonte. Besonders für einen
Dichter. "Ich habe mich mit einigen indischen Dramatikern unterhalten und
fand es sehr interessant, dass das Leute sind, die noch einen anderen Beruf
haben. Zumindest im Theaterbereich scheint es nur wenige hauptberufliche
Autoren zu geben. Ich lernte einen Pharmakologen kennen, der ein eigenes
Unternehmen führt und gerade mit seinem zweiten Theaterstück große Erfolge
feiert. Einen Zahnarzt, der auch Theaterkritiker ist, Leute aus verschiedenen
Berufen, die nebenbei schreiben. Und das finde ich schon beeindruckend, weil
das natürlich eine andere Art von Literatur hervorbringt."
Während
einer Lesung erfuhr er von indischen Literaturfreunden, dass man auch hier
nach dem Zuhause sucht, wie er es in seinem eigenen Roman zum Thema gemacht
hatte. Viele Menschen wanderten auf der Suche nach Arbeit vom Dorf in die
Stadt, von einer Stadt zur anderen, sogar nach Übersee. Er habe also Berührungspunkte
gefunden, betont Magnusson.
In der kurzen Zeit sei er in Pune nicht
heimisch geworden, sagt er, aber er möchte wieder kommen. "Indien bietet
viel Stoff für einen Roman", sagt er. "Aber meine Einstellung zu diesem Land
ändert sich dauernd. Alles entwickelt und bewegt sich zu schnell für mich.
Es ist zu reich und zu arm, zu anstrengend und zu schön - Indien ist eigentlich
immer zu irgendwas."