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brennpunkt 2 Die Welle traf Flüchtlinge
Die Lage auf der abgelegenen indischen Inseln Adamen und Nicobaren ist weiter unklar. Tausende Tote vermutet
AUS PUNE RAINER HÖRIG
Auch heute waren in Port Blair, der Hauptstadt der Inselgruppe
Andamanen und Nicobaren, noch Nachbeben spürbar. Viele Gebäude sind dort
beschädigt. Aus Angst vor weiteren Beben schlafen die meisten Bewohner der
Stadt im Freien. Über die Lage in den weit verstreuten Inseln herrscht Unklarheit.
Rettungsschiffe sind unterwegs, um Überlebenshilfe zu leisten. Drei Stunden
nach dem katastrophalen Erdstoß vor Sumatra wurde die nur dreihundert Kilometer
nordwestlich gelegene indische Insel Great Nicobar von einem Erdstoß der
Stärke 7,3 erschüttert. "Die Insel hat etwa 8.000 Einwohner", berichtet Pankaj
Sekhsaria, Mitarbeiter der Umweltschutzgruppe Kalpavriksh, die Naturschutzprojekte
auf der Insel betreut. "Die meisten der Ureinwohner, Shompen genannt, leben
in kleinen Dörfern tief im Urwald. Sie dürften weitgehend verschont worden
sein. Aber ein 30 Kilometer langer Küstenstreifen ist von ehemaligen Flüchtlingen
aus Bengalen bewohnt, dort müssen die Folgen furchtbar gewesen sein. Aber
noch liegen uns keine konkreten Opferzahlen aus Great Nicobar vor." Ein Regierungssprecher
sprach heute in Port Blair von 3.000 Todesopfern auf der ganzen Inselgruppe,
darüber hinaus würden noch 2.000 Menschen vermisst.
Die Inselgruppe der Andamanen und Nicobaren erstreckt sich in
einem 700 Kilometer langen Bogen im Golf von Bengalen, rund 500 Kilometer
vor der Küste Birmas (Myanmars). Die Gipfel einer maritimen Gebirgskette,
die sich von Birma bis Sumatra erstreckt, bilden rund 250 Inseln, die von
dichtem Regenwald bewachsen und häufig von Korallenriffen umgeben sind. Seit
tausenden von Jahren leben hier kleinwüchsige, dunkelhäutige Waldnomaden,
die mit den Pygmäen in Zentralafrika verwandt sind. Sie verteidigen ihre
Heimat mit Waffengewalt gegen jeden Eindringling. Die Inseln wurden von keinem
König regiert, von keiner Armee erobert, bis die Briten im 18. Jahrhundert
im heutigen Port Blair landeten und gegen heftigen Widerstand der Einheimischen
einen Stützpunkt errichteten. Dort entstand am Ende des 19. Jahrhundert ein
riesiges Gefängnis, in dem die Kolonialmacht indische Freiheitskämpfer einkerkerte.
Der sternförmige Ziegelbau ist heute ein Nationaldenkmal. Mit
der Unabhängigkeit von Großbritannien fiel die Inselgruppe 1947 in indische
Hand. Zahlreiche Marine- und Luftwaffenstützpunkte unterstreichen die große
strategische Bedeutung, die die Inseln für Indien besitzen, denn von hier
aus können sie die Einfahrt in die stark befahrenen Schifffahrtsstraße von
Malakka und damit den Zugang zum Wirtschaftsraum Südostasien kontrollieren.
Viele Inseln sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich - sondern militärische
Sperrgebiete, Naturschutzgebiete und Waldreservate für die Ureinwohner.
In den vergangenen Jahren machten die Inseln vor allem wegen
ihrer reichhaltigen Artenvielfalt von sich reden. Umweltschützer erreichten
mit einer Klage vor dem Obersten Gericht in Neu-Delhi, dass ein komplettes
Fällverbot für einheimische Bäume erlassen wurde. Menschenrechtler machten
die Öffentlichkeit auf das Schicksal der 300 Jarawa-Waldnomaden aufmerksam,
deren Überleben durch eine Verbindungsstraße durch ihr Reservat bedroht ist.
taz Nr. 7551 vom 29.12.2004, Seite 4, 101 Zeilen (TAZ-Bericht), RAINER HÖRIG taz muss sein:
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